„Unser Haus ist auch Dein Haus“

„Unser Haus ist auch Dein Haus“


Istanbul 1992: Als ein Schüler aus Mainz die Türkei entdeckte

von Birol Kilic, Beobachtungen und Analysen aus Wien, 09.07.2026

Vor 34 Jahren reiste der aus Mainz stammende, heute in Wien lebende Historiker und Autor Christoph Bathelt als fünfzehnjähriger Schüler nach Istanbul. Seine damaligen Erinnerungen erzählen von türkischer Gastfreundschaft, Schüleraustausch, Şeker Bayramı(Zuckerfest), İstanbul Lisesi, Hagia Sophia, Atatürk, Bosporus und einer Stadt zwischen Geschichte und Gegenwart.

Bekanntlich sind Österreicher und Deutsche in der Türkei – aufgrund der Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg und der vielen GastarbeiterInnen aus diesen Ländern – respektierte Gäste. Nach dem Ersten Weltkrieg und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs gab es in Istanbul sogar eine kleine österreichische Kolonie, ähnlich wie die deutschen GastarbeiterInnen, die stolz am Aufbau der modernen, laizistischen Türkei mitgewirkt haben – wofür wir bis heute dankbar sind. Viele autochthone ÖsterreicherInnen und Deutsche haben deshalb ihre neue Heimat in der Türkei leicht gefunden.

Bathelt hat uns diesen zwölfseitigen Originaltext freundlicherweise überlassen. Wir haben ihn gelesen und aus dem Blickwinkel eines aus Istanbul stammenden Österreichers für unsere Leserinnen und Leser zusammengefasst und eingeordnet. Das Originaldokument stellen wir am Ende als PDF zur Verfügung.

Ein Text aus einer anderen Zeit

Manchmal sagt ein alter Reisebericht mehr über Europa, die Türkei und menschliche Begegnungen als viele politische Analysen. Christoph Bathelt war fünfzehn Jahre alt, als er im Jahr 1992 mit achtzehn Schülern und drei Lehrerinnen aus Mainz nach Istanbul reiste. Der Austausch führte die Gruppe vom Rabanus-Maurus-Gymnasium zum İstanbul Lisesi. Für den jungen Schüler war es die erste große Begegnung mit einer Stadt, die damals für viele westdeutsche Jugendliche zugleich fremd, faszinierend und schwer einzuordnen war.

Bathelt nannte seinen Bericht damals: „Istanbul 1992 – Mit den Augen eines fünfzehnjährigen Europäers gesehen“. Schon dieser Titel erklärt die Haltung des Textes. Hier schreibt kein Experte, kein Diplomat, kein politischer Kommentator. Hier schreibt ein Jugendlicher, der beobachtet, staunt, vergleicht, manchmal lacht, manchmal irritiert ist und am Ende merkt, dass eine Reise mehr verändern kann als hundert Erklärungen über ein Land.

Der Bericht beginnt mit der Ankunft der Mainzer Schüler im Luftraum von Istanbul und mit jenem leichten „Kribbeln“, das viele in der Gruppe verspürten. Der Schüleraustausch war damals noch Neuland, und ausgerechnet die ersten Tage sollten die deutschen Gäste während des Şeker Bayramı, des Zuckerfests zum Ende des Ramadan, allein in ihren türkischen Gastfamilien verbringen.

Heute, im Jahr 2026, wirkt dieser Text wie eine kleine Zeitkapsel. Die Türkei hat sich seit 1992 stark verändert. Istanbul hat sich noch stärker verändert. Aus der Metropole von damals ist eine Megastadt geworden, politisch, wirtschaftlich, kulturell und städtebaulich kaum wiederzuerkennen. Aber gerade deshalb ist dieser alte Blick wertvoll. Er zeigt nicht die Türkei aus der Perspektive aktueller Schlagzeilen. Er zeigt die Türkei einer Begegnung: Familie, Schule, Essen, Geschichte, Moschee, Kirche, Basar, Bosporus und Abschied.

Der Text ist kein touristisches Werbebild. Er ist auch keine idealisierte Erinnerung. Er enthält Bewunderung, Irritation, Humor, jugendliche Unsicherheit und offene Neugier. Genau daraus entsteht seine Glaubwürdigkeit. Bathelt sieht Istanbul nicht nur als Stadt der Monumente. Er erlebt Istanbul als gelebten Stadtraum, als Alltag, als Familienwelt, als Kulturraum und als Ort, an dem sich Europa und die Türkei nicht abstrakt begegnen, sondern am Esstisch, im Klassenzimmer, auf der Straße und im Abschied am Flughafen.

Der Satz, der bleibt

Der stärkste Satz des ganzen Textes fällt nicht in der Hagia Sophia, nicht im Topkapı-Palast und nicht am Bosporus. Er fällt in einer türkischen Familie. Bathelt beschreibt, wie er während der Feiertage mit seiner Gastfamilie Verwandte und Bekannte besuchte. Schon am ersten Tag lernte er Istanbul nicht als touristische Kulisse kennen, sondern als bewohnte Stadt, als Netz von Wegen, Wohnungen, Besuchen und Gesprächen.

Er erinnert sich an türkische Süßigkeiten, an den für einen deutschen Magen vielleicht etwas überfordernden Zucker, an ein Haus am Marmarameer, an Sonne, Schatten, Spiele, Essen und Gespräche über Erdkunde, Namensgebung, Politik, Musik und Kunst. Vor allem aber erinnert er sich an die Großzügigkeit seiner Gastgeber. Er schreibt, man habe sich beinahe geniert, irgendeinen Wunsch zu äußern, weil er sofort erfüllt worden sei. Dann folgt jener Satz, der mehr als drei Jahrzehnte später noch immer berührt: „Unser einziger Zweck ist es, Dich zufriedenzustellen“, habe er gehört. Und dann: „Unser Haus ist auch Dein Haus.“

Dieser Satz ist nicht nur eine private Erinnerung. Er steht für eine Form von Gastfreundschaft, die viele Menschen aus der Türkei kennen und die im europäischen Diskurs oft unterschätzt wird. In politischen Debatten wird über Migration, Integration, Identität, Religion und kulturelle Differenz gesprochen. Bathelts Text zeigt eine andere Ebene: den konkreten Menschen. Die Gastfamilie ist keine Kategorie. Sie ist ein Zuhause auf Zeit.

Auch seine Beobachtungen über den Alltag in der Familie sind aufschlussreich. Er beschreibt die Umstellung als leicht, weil die Familie „sehr westlich orientiert“ gewesen sei. Gleichzeitig bemerkt er Unterschiede beim Teetrinken, beim Verzicht auf Schweinefleisch und bei den Essgewohnheiten. Morgens wurde reichlich gegessen, mittags eher wenig, abends dann das, was er aus Deutschland als Mittagessen kannte. Das Essen schmeckte ihm ausgezeichnet, so sehr, dass er sogar glaubte, zugenommen zu haben.

Gerade diese einfachen Beobachtungen sind heute wichtig. Sie zeigen, dass kulturelle Begegnung nicht zuerst in Konferenzsälen entsteht. Sie entsteht in Küchen, Wohnzimmern, Schulhöfen, Familienbesuchen und gemeinsamen Mahlzeiten. Der junge Gast aus Mainz wird nicht nur herumgeführt. Er wird aufgenommen. Und weil er aufgenommen wird, beginnt er zu verstehen.

Ein deutsches Klassenzimmer im Herzen Istanbuls

Dass ausgerechnet das İstanbul Lisesi ( Istanbul Gymnasium) zum Ziel der Mainzer Schüler wurde, ist mehr als eine organisatorische Randnotiz. Diese Schule steht für eine besondere deutsch-türkische Bildungsgeschichte. Sie gehört zu den traditionsreichsten Schulen der Türkei und ist bis heute mit deutscher Sprache, deutscher Bildungstradition und deutsch-türkischem Austausch verbunden. Schon die Erwähnung des deutschen Direktors, Herrn Bangert, macht deutlich, dass Bathelt dort nicht einfach irgendeine Schule besuchte, sondern einen Ort, an dem türkische und deutsche Bildungswege seit Jahrzehnten miteinander verflochten sind.

Bathelt beschreibt den Schulalltag mit wachem Blick. Der Schulappell beeindruckt ihn: Schülerinnen und Schüler stehen in Reih und Glied, die Nationalhymne wird gesungen, anschließend geht man geordnet in den Unterricht. Der Direktor empfängt die Gäste in einem holzgetäfelten Büro und erinnert daran, dass er selbst Jahre zuvor in Mainz gewesen sei. Auch der deutsche Direktor, Herr Bangert, empfängt die Gruppe freundlich.

Interessant ist, wie Bathelt das Unterrichtsklima beschreibt. Im Englischunterricht versteht er wenig, was er mit Humor auf den Akzent der Lehrerin zurückführt. Die Themen seien ähnlich gewesen wie in Mainz, nur erscheine ihm die Schulstunde lang, weil sie der Länge einer deutschen Doppelstunde entsprochen habe. Unterrichtsbeginn war um halb neun, das gewöhnliche Ende um drei Uhr.

Besonders lebendig wird sein Bericht im Musikunterricht. Die Lehrerin schreibt ein Lied an die Tafel, die Schüler schreiben es ab und studieren es ein. Dann sollen die deutschen Gäste ein deutsches Volkslied singen. Die Gruppe schiebt die Aufgabe auf Bathelt, weil er angeblich gut singen könne. Ihm fallen vor Schreck nur Liedanfänge ein. Als dann auch noch bekannt wird, dass er Geige spielt, befürchtet er, die Lehrerin könne sofort eine Geige hervorholen. Zum Glück ist keine vorhanden. Am Ende bleibt eine humorvolle Szene über Erwartungsdruck, Kultur, Musik und jugendliche Verlegenheit.

Solche Szenen sind kostbar. Sie erzählen nicht nur von Schule. Sie erzählen von der Unsicherheit echter Begegnung. Man will sich zeigen, aber nicht blamieren. Man will höflich sein, aber nicht überfordert werden. Man will verstehen, aber versteht nicht alles. Gerade darin liegt die Wahrheit eines Austauschs. Nicht alles läuft glatt. Aber gerade das macht ihn menschlich.

Istanbul als lebendiges Geschichtsbuch

Der Text wird besonders stark, wenn Bathelt durch Istanbul geht und merkt, dass diese Stadt kein Museum ist, sondern ein lebendiges Geschichtsbuch. Der Dolmabahçe-Palast beeindruckt ihn durch eine Pracht, die er in Europa kaum vergleichbar findet. Er erwähnt Versailles, Wien und St. Petersburg, sieht aber im Dolmabahçe eine eigene Größe. Dabei fällt ihm auch auf, warum der Palast für die Türkei eine besondere Bedeutung hat: Er ist der Sterbeort Mustafa Kemal Atatürks.

Atatürk selbst wird Bathelt während seines Aufenthalts sympathischer. Er registriert Bilder, Büsten und Sprüche, die überall anzutreffen seien. Ein Satz über Kultur erscheint ihm besonders vernünftig: Ein Land ohne Kultur habe sich eine wichtige Lebensader zerschnitten. Auch der bekannte Ausspruch „Sağlam kafa sağlam vücutta bulunur“ fällt ihm auf, den er mit „Mens sana in corpore sano“ verbindet.

Rumeli Hisarı erlebt er als Festung, die Sultan Mehmet zur Eroberung Konstantinopels in kurzer Zeit errichten ließ. Er staunt über die Wehrgänge, Türmchen und Treppen ohne Geländer und merkt an, dass so etwas in Deutschland wohl kaum erlaubt wäre. Auch das Valens-Aquädukt fasziniert ihn. Als Mainzer, der nur die „bemitleidenswerten Römersteine“ seiner Heimat kenne, sei es für ihn ein Muss gewesen, das etwa 20 Meter hohe Bauwerk zu betreten. Von dort habe er eine weite Aussicht über die Altstadt gehabt.

Der Blick des Jugendlichen ist dabei nie nur bewundernd. Er vergleicht, manchmal spitz, manchmal ironisch. Er sieht Pracht, aber auch Baufälligkeit. Er sieht große Geschichte, aber auch Alltag. Gerade diese Mischung verhindert, dass der Text zur bloßen Verklärung wird. Istanbul erscheint nicht als Postkarte, sondern als gewaltiger, widersprüchlicher, lebendiger Raum.

Hagia Sophia, Topkapı und die religiöse Schichtung der Stadt

Einer der Höhepunkte ist der Besuch der Hagia Sophia. Bathelt widerspricht zunächst Werner von Siemens, der im 19. Jahrhundert eher kühl über manche Bauwerke Konstantinopels geschrieben hatte. Für den jungen Schüler ist die Hagia Sophia ein Denkmal der Menschheit. Er beschreibt, wie man vor einem solchen Bau stumm werde und wie deutlich dort werde, dass einzelne Menschen nur kurz auf der Welt sind, während menschliches Schöpfertum Jahrhunderte überdauern kann.

Gerade an dieser Stelle wird Bathelts Blick besonders interessant. Er weist Siemens dort zurück, wo dieser die Stadt und ihre Bauwerke von außen skeptisch betrachtet. Zugleich stimmt er Siemens zu, als dieser die innere Größe der Kuppel der Hagia Sophia beschreibt. Ein Fünfzehnjähriger widerspricht einem großen Namen des 19. Jahrhunderts, gibt ihm aber im entscheidenden Moment doch recht. Auch das ist Istanbul: Die Stadt lässt niemanden mit fertigen Urteilen davonkommen.

Interessant ist auch seine Beobachtung zur religiösen Geschichte des Bauwerks. Er spricht von der „Wiederverwendung“ einer christlichen Kirche als islamische Moschee und vergleicht dies mit Moscheen in Ungarn oder Spanien, die heute als Kirchen dienen. Der Fünfzehnjährige formuliert keine Theorie. Aber er sieht etwas Wesentliches: Istanbul besteht aus Schichten. Christentum, Islam, Byzanz, Osmanisches Reich und moderne Türkei stehen hier nicht sauber getrennt nebeneinander. Sie überlagern sich. Sie bleiben sichtbar. Sie widersprechen einander nicht nur, sie erzählen miteinander.

Gerade aus heutiger Sicht ist dieser Blick bemerkenswert. In aktuellen Debatten werden Bauwerke wie die Hagia Sophia oft sofort politisch gelesen. Bathelts Blick von 1992 ist anders. Er ist unmittelbarer. Er sieht einen Raum, eine Kuppel, Geschichte, Staunen und die Spuren verschiedener religiöser Ordnungen. Manchmal ist der erste Blick nicht der vollständigste, aber er kann ehrlicher sein als ein späterer ideologischer Zugriff.

Auch der Topkapı-Palast bleibt ihm stark in Erinnerung. Er erwähnt Kunstschätze aus aller Welt, japanisches und chinesisches Porzellan, Uhren, Orden, Edelsteine, Reliquien des Propheten Mohammed und die Aussicht auf den Bosporus. Gleichzeitig bedauert er, dass die Zeit zu kurz war, um alles wirklich aufzunehmen. Diese Klage zieht sich durch viele echte Reiseberichte: Man sieht viel, aber versteht erst später, was man gesehen hat.

Basar, Friseur und der Humor des Reisenden

Bathelts Bericht wäre nicht so lebendig, wenn er nur aus Sehenswürdigkeiten bestünde. Er erzählt auch von kleinen Missgeschicken, und gerade diese Szenen machen den Text menschlich. Im Großen Basar gerät er an einen Schuhputzer. Zuerst soll das Putzen ein Geschenk sein, dann wird doch ein Bakschisch erwartet. Am Ende zahlt er fünf Mark, nach eigener Einschätzung viel zu viel. Ein türkischer Schüler rettet ihn schließlich aus der Situation. Der junge Mainzer kommentiert das nicht arrogant, sondern selbstironisch. Er berichtet sogar, dass andere aus der Gruppe sich noch ungeschickter angestellt hätten.

Am Abend folgt eine weitere Szene: der Gang zum Friseur. Bathelt schreibt mit bewusstem Wortspiel, er habe einen Teil seiner „Manneszierde“ verloren, nämlich seine Haare. Mit seinem Austauschpartner Cüneyt geht er zum „berber“, lässt diesen verhandeln und betrachtet nach einer Viertelstunde vorsichtig das Ergebnis. Am Ende findet er die Frisur erträglich. Cüneyts Onkel meint, er sehe nun aus wie ein richtiger Türke. Bathelt versteht das als Kompliment.

Solche Passagen sind wichtig, weil sie zeigen, wie Begegnung funktioniert. Nicht als abstrakter Dialog der Kulturen, sondern als Situation: Schuhe, Haare, Essen, Sprache, Missverständnisse, Lachen, Scham, Hilfe. Genau dadurch entsteht Nähe. Wer nur Sehenswürdigkeiten abhakt, bleibt Besucher. Wer solche kleinen Situationen erlebt, beginnt sich zu erinnern.

Eyüp, Pierre Loti und die Grenzen des Touristendaseins

Beim Besuch der Eyüp Sultan Camii zeigt Bathelt ein bemerkenswertes Maß an Selbstkritik. Er beschreibt, dass die Gruppe an den Gläubigen vorbeizog, Fotos machte und sich nicht besonders pietätvoll benahm. Ihn störte das. Für einen fünfzehnjährigen Schüler ist das eine klare Beobachtung: Man kann als Tourist anwesend sein und doch etwas falsch machen. Man kann einen heiligen Ort sehen und ihn gleichzeitig nicht ausreichend respektieren.

Anschließend führt der Weg nach Pierre Loti. Bathelt beschreibt das Café auf einem Hügel am Rande des Goldenen Horns. Von dort hat die Gruppe einen guten, wenn auch vernebelten Blick auf Istanbul. Zur Mittagszeit hört sie mehrere Muezzine gleichzeitig. Die Gebete in verschiedenen Tonhöhen und zeitlichen Verschiebungen wirken auf ihn merkwürdig und eindrucksvoll zugleich. Wieder ist es kein politischer Satz, sondern eine Sinneserfahrung: Klang, Höhe, Stadt, Religion, Entfernung.

Diese Stelle zeigt gut, warum der alte Text heute lesenswert ist. Er beschreibt nicht abstrakt „den Islam“ oder „die Religion“. Er beschreibt Geräusche, Räume, Menschen, Verhalten. Er ist manchmal naiv, aber gerade dadurch nicht berechnend. Er muss keine These beweisen. Er hält fest, was er sieht und hört.

Ein Museum, ein Präsident und eine Stadt in Bewegung

Auch das Archäologische Museum beeindruckt ihn. Bathelt nennt es eines der bedeutendsten Museen seiner Art. Er schreibt über Statuen, Reliefs, Steinarbeiten, Sarkophage und den sogenannten Alexandersarkophag. Besonders interessant findet er, dass Teile noch farbig erhalten sind. Die Funde aus Troja enttäuschen ihn hingegen, weil er den Tonscherben nicht viel Spannendes abgewinnen kann. Auch das ist ein ehrlicher Schülerblick: Nicht alles, was historisch bedeutend ist, muss einen Jugendlichen automatisch begeistern.

Dann geschieht etwas Unerwartetes. Auf dem Rückweg bemerkt die Gruppe eine große Menschenmenge, viele Polizisten und Hubschrauber. Ihnen fällt ein, dass der französische Präsident François Mitterrand zur gleichen Zeit in Istanbul ist. Tatsächlich sieht Bathelt Mitterrand und den türkischen Staatspräsidenten Turgut Özal aus der Sultan-Ahmet-Moschee kommen. Er steht nach eigener Erinnerung nur etwa zwei Meter entfernt. Auch diese Szene zeigt Istanbul 1992: internationale Politik, lockere Sicherheitsvorkehrungen, neugierige Menschen, Journalisten und ein Jugendlicher, der plötzlich neben Staatsmännern steht.

Der Weg zum Galata-Turm führt über die alte Galata-Brücke, die kurz zuvor abgebrannt und nicht mehr benutzbar war. Danach geht es durch die İstiklâl Caddesi, die Bathelt mit der ehemaligen Wilhelmstraße in Berlin vergleicht, weil sich dort das frühere Botschaftsviertel befand. Auch hier verbindet er Istanbul mit europäischer Geschichte. Für ihn ist Istanbul nicht Gegenwelt zu Europa, sondern Teil einer gemeinsamen, komplizierten, vielfach überlagerten Geschichte.

Abschied mit Kälteschock

Am Ende kommt der Abschied. Früh am Morgen muss die Gruppe zum Flughafen. Bathelt schreibt, es sei kein Vergnügen gewesen, um sechs Uhr dort sein zu müssen, aber es habe ihm ermöglicht, Istanbul einmal ohne Verkehr zu erleben. Der Abschied von der Gastfamilie ist herzlich. Er verabschiedet sich auf Türkisch, mit Küssen auf die Wangen, und wird großzügig beschenkt. In Mainz angekommen erlebt er einen Kälteschock: von etwa 20 Grad in Istanbul auf drei oder vier Grad in Deutschland.

Sein Fazit ist klar: Der Schüleraustausch habe sich in menschlicher und kultureller Hinsicht vollkommen gelohnt. Er sei sicher nicht das letzte Mal in Istanbul gewesen. Dann zitiert er einen Satz, der wie eine Botschaft an heutige Debatten klingt: Es sei besser, einmal zu sehen als hundertmal zu hören. Bathelt fügt hinzu: oder zu lesen. Für Istanbul und seine Bewohner treffe das besonders zu.

Dieser Satz ist der eigentliche Schlüssel des ganzen Berichts. Er widerspricht der bequemen Haltung, Länder nur aus der Ferne zu beurteilen. Er sagt: Man muss sehen. Man muss hingehen. Man muss Menschen begegnen. Man muss sich auch einmal irren, schämen, wundern und korrigieren lassen.

Warum dieser Text heute lesenswert ist

Warum veröffentlichen wir 2026 einen Text aus dem Jahr 1992? Weil er an eine einfache Wahrheit erinnert: Begegnung verändert Wahrnehmung. Wer nur über ein Land spricht, bleibt oft bei Vorurteilen stehen. Wer dort in einer Familie lebt, in eine Schule geht, mit Menschen isst, durch Straßen läuft, Moscheen und Kirchen betritt, sich verirrt, staunt, vergleicht und wieder Abschied nimmt, nimmt etwas anderes mit.

Christoph Bathelts Erinnerungen sind keine politische Stellungnahme. Sie sind auch kein idealisiertes Türkei-Bild. Er sieht Schönes und Schwieriges, Gastfreundschaft und Schmutz, Pracht und Verfall, Ordnung und Chaos, Geschichte und Alltag. Genau deshalb wirkt der Text glaubwürdig. Er ist nicht glatt. Er ist ein persönlicher Blick aus einer bestimmten Zeit.

Der Junge, der diese Zeilen im Mai 1992 in Mainz niederschrieb, blickt heute als Historiker und Autor auf jene Reise zurück. Der Text ist mit seinem Verfasser gealtert, aber seine Stimme ist jung geblieben. Gerade dieser Abstand macht ihn interessant. Wir lesen nicht nur, wie Istanbul damals war. Wir lesen auch, wie ein fünfzehnjähriger Europäer versuchte, eine große Stadt, eine fremde Familie, eine andere Schule und eine reiche Geschichte zu verstehen.

Die Türkei der frühen 1990er Jahre ist nicht die Türkei von 2026. Istanbul ist heute größer, dichter, schneller, digitaler, teurer, politischer und globaler. Aber die entscheidende Frage bleibt: Was sieht ein junger Mensch, wenn er nicht nur ein Land besucht, sondern Menschen begegnet? Bathelts Antwort steht zwischen den Zeilen seines Berichts. Er sieht nicht nur eine Stadt. Er sieht ein Zuhause auf Zeit.

Es ist kein Zufall, dass Bathelt seinen deutschen Bericht mit einer Lebensweisheit beschließt, die auch in der Türkei verstanden wird: Einmal sehen ist besser als hundertmal hören. Vielleicht ist das die stillste Form von Verständigung: dass ein Gast am Ende nicht nur über ein Land spricht, sondern etwas von diesem Land in seinem eigenen Denken mitnimmt.

Deshalb stellen wir diesen Text unseren Leserinnen und Lesern zur Verfügung. Nicht als Nostalgie. Nicht als politische Botschaft. Sondern als Dokument einer Begegnung zwischen Mainz und Istanbul, zwischen Deutschland und der Türkei, zwischen Jugend, Geschichte und persönlicher Erfahrung. Und vielleicht auch als Erinnerung daran, dass Verständigung oft nicht mit großen Worten beginnt, sondern mit einem einfachen Satz:

 

Das Originaldokument „Istanbul 1992 – Mit den Augen eines fünfzehnjährigen Europäers gesehen“ von Christoph Bathelt, Mainz im Mai 1992, stellen wir nachfolgend als PDF zur Verfügung.

„Unser Haus ist auch Dein Haus.“

 

Birol Kilic

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