Westenfeindlichkeit erklären – ohne neue Feindbilder zu schaffen

Westenfeindlichkeit erklären – ohne neue Feindbilder zu schaffen

Ist Kritik am Westen eine „Identitätskrise“?

Nach dem traurigen und hoch bedenklichen Anschlag beim Berliner Christopher Street Day ist die Auseinandersetzung mit religiös legitimierter Gewalt bzw. einer Theologie der Gewalt notwendig. Das gilt übrigens für alle Religionen. Nicht nur das: Auch die Rolle möglicher Hintermänner und Geheimdienste bei solchen Attentaten gehört aufgeklärt.

Problematisch wird sie dort, wo aus „dem Westen“, „den Muslimen“ und „dem Islamismus“ geschlossene Blöcke werden. Das Bild eines bewusst hässlich und bedrohlich dargestellten Weihnachtsmanns, offenbar als Symbol für muslimische antiwestliche Hetze gegen „den Westen“, habe ich im Beitrag eines von mir geschätzten muslimischen Kollegen gesehen. Gerade diese Darstellung hat mich dazu bewegt, meine eigene Sicht auf diese Einteilung und die damit verbundenen Feindbilder in Form eines kritischen Essays darzulegen. Wer Radikalisierung verstehen und bekämpfen will, muss Theologie und Ideologie untersuchen – aber ebenso Krieg, Politik, Diskriminierung, individuelle Biografien und die wechselseitige Entstehung und Verstärkung von Feindbildern.

 

Eine Analyse und Beobachtung aus Wien von Birol Kılıç | 11. August 2026

Der islamistische Terroranschlag am Rande des Berliner Christopher Street Day vom 25. Juli 2026 hat eine notwendige Debatte ausgelöst. Eine Frau wurde getötet, 31 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Nach Angaben der Berliner Behörden fuhr der 21-jährige Attentäter mit einem Van in eine Menschengruppe und griff anschließend vermutlich mit einer Machete weitere Menschen an. Einen Tag später wurde er bei dem Versuch seiner Festnahme von der Polizei erschossen. Berlin spricht inzwischen ausdrücklich von einem islamistischen Terroranschlag. (Berlin)

Diese Tatsachen dürfen weder relativiert noch durch allgemeine politische Erklärungen verdeckt werden. Gewalt gegen queere Menschen, die religiös begründet oder islamistisch legitimiert wird, verlangt eine klare Antwort – rechtlich, gesellschaftlich und auch theologisch. Wenn religiöse Texte oder religiöse Autoritäten benutzt werden, um Hass und Gewalt zu legitimieren, muss genau darüber innerhalb muslimischer Gesellschaften offen gesprochen werden.

Ein nach dem Berliner Anschlag veröffentlichter Beitrag setzt jedoch einen anderen Schwerpunkt. Nicht die Frage, ob der Islam queere Vielfalt zulasse, sei entscheidend, sondern die „tief verwurzelte Westenfeindlichkeit“ in muslimisch geprägten Gesellschaften und unter jungen Muslimen. Diese Westenfeindlichkeit bilde die emotionale und ideologische Grundlage islamistischen Terrors; schließlich wird sogar formuliert, auf ihr baue „die gesamte Ideologie“ auf.

Der Kern dieser Beobachtung ist ernst zu nehmen. Antiwestliche Ressentiments, Verschwörungsbilder und die Vorstellung eines moralisch verdorbenen, dem Islam grundsätzlich feindlich gegenüberstehenden Westens gehören tatsächlich zum Repertoire jihadistischer Propaganda. Problematisch wird es jedoch, wenn aus einem wichtigen Faktor eine nahezu universelle Erklärung wird.

Genau dort beginnt die methodische Frage.

Welcher „Westen“? Ein zentraler Begriff ohne Definition

Wer „Westenfeindlichkeit“ analysieren will, muss zunächst sagen, was mit „dem Westen“ gemeint ist.

Ist der Westen der demokratische Rechtsstaat? Sind es Menschenrechte, Meinungsfreiheit, individuelle Selbstbestimmung und Pluralismus? Ist der Westen die Alltagskultur europäischer Gesellschaften? Sind damit die USA gemeint? Die Europäische Union? Die NATO? Gehören die Außenpolitik westlicher Staaten, Kolonialgeschichte, der Irakkrieg von 2003, Afghanistan, militärische Interventionen, Folter, die Unterstützung autoritärer Regime oder geopolitische Doppelstandards ebenfalls zu diesem Begriff?

Das ist keine akademische Haarspalterei. Die Unterscheidung entscheidet darüber, was überhaupt untersucht wird.

Wer die liberale Demokratie ablehnt, vertritt etwas anderes als jemand, der den Irakkrieg ablehnt. Wer homosexuelle Lebensweisen aus religiösen Gründen verurteilt, vertritt etwas anderes als jemand, der die Nahostpolitik der USA kritisiert. Und wer behauptet, in Europa würden Eltern ihre eigenen Kinder heiraten, verbreitet eine groteske Verschwörungserzählung – etwas völlig anderes als politische Kritik an einer Regierung.

Gerade deshalb braucht der Begriff „Westenfeindlichkeit“ eine Operationalisierung: Welche Einstellungen gelten als feindlich? Welche als kritisch? Welche beziehen sich auf Werte, welche auf Staaten, welche auf konkrete Politik?

Sonst entsteht ein methodischer Widerspruch: Man kritisiert das monolithische Westbild von Islamisten – und arbeitet selbst mit einem monolithischen „Westen“.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob Westenfeindlichkeit existiert. Sie lautet auch: Wo verläuft die Grenze zwischen Westenfeindlichkeit und legitimer Kritik an westlicher Politik?

Muslime, muslimisch geprägte Gesellschaften und Islamismus sind keine identischen Kategorien

Ein zweites Problem liegt im Wechsel der Analyseebenen.

Die Argumentation beginnt bei islamistisch motivierter Gewalt. Danach geht sie zu „vielen islamisch geprägten Gesellschaften“, anschließend zu jungen Muslimen im Westen und schließlich wieder zur ideologischen Grundlage des Islamismus und des islamistischen Terrors.

Diese Begriffe bezeichnen jedoch unterschiedliche Dinge.

Eine Religion ist keine politische Ideologie. Eine Bevölkerung ist keine Terrororganisation. Ein muslimisch geprägtes Land ist kein einheitliches religiöses Milieu. Ein junger Muslim in Wien, Berlin oder Paris ist nicht deshalb Träger islamistischer Ideologie, weil er Muslim ist. Und selbst islamistische Bewegungen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer politischen Ziele, ihrer theologischen Positionen und ihres Verhältnisses zur Gewalt erheblich.

Gerade eine Analyse, die Pauschalisierungen bekämpfen möchte, muss hier besonders präzise sein.

Das Problem liegt also nicht darin, die ideologische Dimension islamistischen Terrors zu untersuchen. Das muss man. Das Problem beginnt dort, wo von einem Teilphänomen unmerklich auf „Muslime“, „muslimische Gesellschaften“ oder „die nächste Generation“ übergegangen wird.

Ursache, Ideologie und Mobilisierung sind nicht dasselbe

Hier liegt eine weitere wichtige Unterscheidung.

Dass ein bestimmtes Feindbild in der Ideologie einer extremistischen Organisation vorkommt, bedeutet noch nicht, dass dieses Feindbild bei jedem Rekruten die Ursache seiner Radikalisierung war.

Ideologischer Inhalt, individuelle Radikalisierungsursache, Rekrutierungsmechanismus, politisches Ziel, emotionale Mobilisierung und nachträgliche religiöse Legitimation sind verschiedene analytische Ebenen.

Ein Mensch kann aus persönlicher Kränkung, Gruppendruck, sozialer Isolation, politischem Zorn oder Gewalterfahrungen in ein extremistisches Milieu geraten und erst dort eine umfassende ideologische Welterklärung übernehmen. Bei einem anderen kann die Ideologie von Anfang an der entscheidende Antrieb sein. Bei einem dritten wirken Religion, politische Erfahrungen und persönliche Krise zusammen.

Genau deshalb warnt die europäische Radikalisierungsforschung vor monokausalen Erklärungen. Das Radicalisation Awareness Network der Europäischen Kommission stellte 2024 ausdrücklich fest, dass es keinen einzelnen Grund und keinen einzigen Weg in Radikalisierung und gewalttätigen Extremismus gibt. Faktoren auf der individuellen, sozialen und gesellschaftlich-politischen Ebene können miteinander wirken. (Migration and Home Affairs)

„Westenfeindlichkeit“ kann also Feindbild, ideologischer Deutungsrahmen und Mobilisierungsmittel sein. Daraus folgt jedoch noch nicht, dass sie die universelle Ursache islamistischer Radikalisierung ist.

„Die gesamte Ideologie“ – ein zu großer Satz

Deshalb ist die Behauptung, auf der Westenfeindlichkeit baue „die gesamte Ideologie“ auf, besonders weitreichend.

Die UNDP-Untersuchung „Journey to Extremism in Africa“ von 2023 zeigt exemplarisch, wie viel komplizierter Radikalisierung sein kann. Die Untersuchung basiert auf 2.196 Interviews in acht Ländern Subsahara-Afrikas und umfasst mehr als 1.000 Personen, die Mitglied gewaltextremistischer Gruppen waren oder noch waren. 884 Befragte erklärten, freiwillig beigetreten zu sein.

Unter den freiwillig Rekrutierten nannten 25 Prozent Beschäftigungsmöglichkeiten und 22 Prozent den gemeinsamen Beitritt mit Freunden oder Familienangehörigen als wichtige Faktoren. 17 Prozent nannten die religiösen Ideen der Gruppe als primären Beweggrund. Das bedeutet keineswegs, Religion sei unwichtig. UNDP beschreibt Religion ausdrücklich als einen wichtigen Bezugspunkt, über den vorhandene Konflikte, Identitäten und grievances mobilisiert werden können. Der Befund widerspricht aber einer simplen Vorstellung, wonach religiöse Ideologie allein den Weg in den Extremismus erkläre.

Besonders aufschlussreich ist der sogenannte „tipping point“. Bei den freiwillig Rekrutierten, die einen konkreten Auslöser nannten, entfielen 32 Prozent der Antworten auf staatliches Handeln, 29 Prozent auf die Tötung eines Familienmitglieds oder Freundes und zehn Prozent auf deren Verhaftung. UNDP selbst kommt zu dem Ergebnis, dass staatliches Handeln zusammen mit eskalierenden Menschenrechtsverletzungen in vielen Fällen ein herausragender letzter Anstoß zur Radikalisierung war.

Noch ein Befund verdient Beachtung: 64 Prozent der freiwillig Rekrutierten erklärten, religiöse Texte entweder nicht selbst zu lesen oder sie beim Lesen nicht zu verstehen; nur neun Prozent sagten, sie verstünden die gelesenen Texte immer. UNDP interpretiert eine fundiertere religiöse Bildung teilweise sogar als möglichen Resilienzfaktor gegenüber extremistischer Manipulation.

Auch hier gilt: Eine Studie aus Subsahara-Afrika erklärt keinen Anschlag in Berlin. Genau das wäre selbst wieder eine unzulässige Verallgemeinerung. Sie zeigt jedoch, warum die Vorstellung einer einzigen ideologischen Wurzel wissenschaftlich zu kurz greift.

Auch die Geografie des Terrorismus passt nicht in ein einfaches West-Schema

Ein zusätzlicher Blick auf die aktuelle globale Terrorismuslage verschärft diese Frage.

Der Global Terrorism Index 2026 weist darauf hin, dass 2025 fast 70 Prozent aller Terrorismustoten weltweit auf lediglich fünf Länder entfielen: Pakistan, Burkina Faso, Nigeria, Niger und die Demokratische Republik Kongo. Subsahara-Afrika ist heute ein globales Zentrum terroristischer Gewalt; allein die Sahelregion verursachte nach dem Bericht mehr als die Hälfte der weltweiten Terrorismustoten. In Nigeria waren ISWAP und Boko Haram für rund 80 Prozent der Terrorismustoten verantwortlich.

Das beweist keineswegs, dass antiwestliche Ideologie bei jihadistischen Organisationen unwichtig wäre. Es zeigt aber etwas anderes: Ein erheblicher Teil jihadistischer Gewalt findet innerhalb nichtwestlicher Gesellschaften statt und richtet sich gegen lokale Zivilbevölkerungen, staatliche Sicherheitskräfte, religiöse Gegner, konkurrierende Gruppen und lokale politische Ordnungen.

„Der Westen“ ist also ein wichtiges jihadistisches Feindbild – aber keineswegs der einzige Gegenstand jihadistischer Herrschafts- und Gewaltideologie.

Islamistische Ideologie umfasst ebenso Vorstellungen von Gottesstaat, religiöser und politischer Souveränität, Takfir, vermeintlichem Abfall vom Glauben, der Bekämpfung lokaler Regierungen, Geschlechterordnung, religiöser Homogenität, Herrschaft und territorialer Kontrolle. Wer all das auf Westenfeindlichkeit zurückführt, macht aus einer Dimension das Ganze.

Erklären heißt nicht rechtfertigen – und Weglassen ist keine Wissenschaft

Auf der anderen Seite wäre es ebenso falsch, antiwestliche Ressentiments ausschließlich als verständliche Reaktion auf westliche Politik zu behandeln. Verschwörungsmythen bleiben Verschwörungsmythen. Antisemitismus bleibt Antisemitismus. Hass auf Homosexuelle bleibt nicht deshalb weniger menschenfeindlich, weil der Irakkrieg stattgefunden hat. Terror gegen Zivilisten wird durch keine Kolonialgeschichte legitim.

Aber daraus folgt nicht, dass die Geschichte und Politik westlicher Staaten aus der Ursachenanalyse verschwinden dürfen.

Die Costs-of-War-Forschung der Brown University schätzt, dass zwischen 2001 und 2023 in Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien und Jemen mehr als 940.000 Menschen direkt durch Kriegsgewalt ums Leben kamen, darunter mehr als 432.000 Zivilisten. Zusätzlich werden 3,6 bis 3,8 Millionen indirekte Todesfälle infolge zerstörter Gesundheitsversorgung, Infrastruktur, wirtschaftlicher Systeme und anderer Kriegsfolgen geschätzt. (Costs of War)

Diese Zahlen dürfen nicht mit „vom Westen getötet“ gleichgesetzt werden. Das wäre sachlich falsch. An diesen Kriegen und Konflikten waren Staaten, Regime, Milizen, Aufständische, jihadistische Terrororganisationen und zahlreiche andere Akteure beteiligt.

Aber ebenso falsch wäre es, solche Erfahrungen aus einer Untersuchung antiwestlicher Ressentiments herauszulassen.

Der entscheidende wissenschaftliche Grundsatz lautet daher: Erklären heißt nicht rechtfertigen. Wer verstehen will, weshalb ein Feindbild für Menschen anschlussfähig wird, muss auch reale Erfahrungen untersuchen, die anschließend von Extremisten selektiert, verzerrt, emotionalisiert und propagandistisch instrumentalisiert werden.

Sonst untersucht man möglicherweise nicht die Entstehung des Feindbildes, sondern nur seine theologische Verpackung.

Erklären heißt nicht rechtfertigen – und Weglassen ist keine Wissenschaft

Eine wesentliche Dimension fehlt, wenn über „Westenfeindlichkeit“ gesprochen wird, ohne das konkrete historische und politische Handeln westlicher Staaten in die Analyse einzubeziehen. Man kann islamistische Propaganda, Verschwörungsmythen und die pauschale Verteufelung westlicher Gesellschaften entschieden zurückweisen und gleichzeitig danach fragen, welche Rolle Kriege, Besatzung, koloniale Erfahrungen, Folter, die Unterstützung autoritärer Regime und geopolitische Doppelstandards bei der Entstehung bestimmter Ressentiments spielen. Das ist keine Rechtfertigung islamistischer Gewalt, sondern eine notwendige Frage nach ihren Entstehungsbedingungen.

Die Costs-of-War-Forschung der Brown University dokumentiert für die Kriegsgebiete nach dem 11. September 2001 in Irak, Afghanistan, Syrien, Jemen und Pakistan zwischen 2001 und 2023 mehr als 940.000 direkte Kriegstote, darunter mehr als 432.000 Zivilisten. Hinzu kommen nach Schätzung des Projekts 3,6 bis 3,8 Millionen indirekte Todesfälle infolge der langfristigen Kriegsfolgen. Diese Toten sind selbstverständlich nicht pauschal „dem Westen“ zuzuschreiben. Regime, Milizen, Aufständische, Al-Qaida, der sogenannte Islamische Staat und andere bewaffnete Akteure trugen ebenfalls Verantwortung für massive Gewalt. Eine pauschale Schuldzuweisung wäre genau jene Verkürzung, die eine seriöse Analyse vermeiden muss. Aber ebenso wenig kann man diese Kriege aus einer Untersuchung antiwestlicher Ressentiments herausnehmen.

(Quelle: Brown University, Costs of War – Human Costs:
https://costsofwar.watson.brown.edu/costs/human)

Gerade hier gilt der wissenschaftliche Grundsatz: Erklären heißt nicht rechtfertigen. Wer verstehen möchte, warum ein Feindbild für bestimmte Menschen anschlussfähig wird, muss auch reale Ereignisse untersuchen, die später von Extremisten ausgewählt, verallgemeinert, religiös aufgeladen und propagandistisch instrumentalisiert werden. Sonst besteht die Gefahr, nur die religiöse Sprache eines Feindbildes zu untersuchen, nicht aber den historischen und politischen Boden, auf dem diese Sprache Wirkung entfalten kann.

Wie kompliziert dieses Verhältnis zwischen Krieg, persönlicher Entscheidung, jihadistischer Ideologie und späterer Geopolitik sein kann, zeigt die Biografie des heutigen syrischen Präsidenten Ahmed al-Sharaa besonders deutlich.

Vom Irakkrieg über Al-Qaida zum Präsidenten Syriens – der Fall Ahmed al-Sharaa

Ahmed al-Sharaa war der internationalen Öffentlichkeit lange vor allem unter seinem Kampfnamen Abu Muhammad al-Jawlani, auch al-Golani geschrieben, bekannt. Seine jihadistische Laufbahn führte über den Irak nach Syrien. Nach der von den USA geführten Invasion des Irak 2003 ging der junge Syrer in den Irak und schloss sich dort Al-Qaida im Irak an. Später geriet er in amerikanische Gefangenschaft und verbrachte mehrere Jahre in Haft. Reuters zeichnet seine außergewöhnliche Entwicklung vom Al-Qaida-Militanten bis an die Spitze des syrischen Staates ausführlich nach.

(Quelle: Reuters, „Syrian leader Sharaa’s path from global jihad to Trump meeting“, 14. Mai 2025:
https://www.reuters.com/world/middle-east/syrian-leader-sharaas-path-global-jihad-trump-meeting-2025-05-14/)

Allein diese Chronologie ist für die Debatte über „Westenfeindlichkeit“ aufschlussreich. Daraus folgt keineswegs, dass der Irakkrieg al-Sharaa automatisch zum Jihadisten „gemacht“ hätte. Eine solche Behauptung wäre genauso monokausal wie die gegenteilige Vorstellung, politische und militärische Rahmenbedingungen hätten bei Radikalisierungsprozessen überhaupt keine Bedeutung. Al-Sharaa traf eigene Entscheidungen und schloss sich einer jihadistischen Organisation an; dafür trägt der Einzelne Verantwortung. Millionen Menschen erlebten Krieg, Besatzung und Gewalt, ohne Terroristen zu werden.

Aber seine Entwicklung fand eben auch nicht in einem luftleeren Raum statt. Der Irak nach 2003 war von Invasion, Besatzung, Aufstand, staatlichem Zerfall, massiver Gewalt und zunehmenden konfessionellen Konflikten geprägt. Gerade in diesem Umfeld entwickelte sich Al-Qaida im Irak zu einem zentralen jihadistischen Akteur. Wer verstehen will, wie sich eine solche Ideologie ausbreitet und für einzelne Menschen attraktiv werden kann, kann deshalb weder die Ideologie allein betrachten noch den historischen Raum einfach ausblenden.

Nach Beginn des syrischen Aufstands kehrte al-Sharaa nach Syrien zurück. Er wurde von Abu Bakr al-Baghdadi, dem damaligen Führer von Al-Qaida im Irak, entsandt, um dort eine neue Struktur aufzubauen. Daraus entwickelte sich Jabhat al-Nusra. Als Baghdadi 2013 versuchte, Nusra in den von ihm proklamierten „Islamischen Staat im Irak und in der Levante“ einzugliedern, widersetzte sich al-Jawlani dieser Fusion. Das bedeutete damals jedoch keineswegs einen Bruch mit Al-Qaida: Er bekannte sich stattdessen direkt zum Al-Qaida-Führer Ayman al-Zawahiri. Nusra und der spätere sogenannte Islamische Staat entwickelten sich anschließend zu erbitterten Gegnern.

(Quelle: Reuters:
https://www.reuters.com/world/middle-east/syrian-leader-sharaas-path-global-jihad-trump-meeting-2025-05-14/)

Am 16. Mai 2013 erklärte das US-Außenministerium Muhammad al-Jawlani persönlich zum „Specially Designated Global Terrorist“. Washington begründete dies mit seiner Führungsrolle bei der Nusra-Front und deren Verbindung zu Al-Qaida im Irak.

(Quelle: U.S. Department of State, 16. Mai 2013:
https://2009-2017.state.gov/r/pa/prs/ps/2013/05/209499.htm)

Auch die Vereinten Nationen nahmen ihn 2013 in ihr ISIL/Al-Qaida-Sanktionsregime auf. Im Mai 2017 ging Washington noch weiter: Das amerikanische „Rewards for Justice“-Programm setzte eine Belohnung von bis zu zehn Millionen US-Dollar für Informationen aus, die zu seiner Identifizierung oder Lokalisierung führen würden.

(Quelle: U.S. Department of State, Rewards for Justice, 10. Mai 2017:
https://2017-2021.state.gov/rewards-for-justice-reward-offer-for-information-on-al-nusrah-front-leader-muhammad-al-jawlani/)

Inzwischen hatte sich seine Organisation verändert. Im Juli 2016 erklärte al-Jawlani öffentlich die Trennung von Al-Qaida. Anfang 2017 entstand aus seiner Bewegung und weiteren Gruppierungen Hay’at Tahrir al-Sham, HTS. Damit begann ein längerer politischer und organisatorischer Transformationsprozess. Für Washington und die Vereinten Nationen bedeutete diese Entwicklung zunächst jedoch keineswegs, dass seine jihadistische Vergangenheit erledigt war. Al-Sharaa blieb international sanktioniert und gesucht.

Dann veränderte sich die politische Lage grundlegend. Am 8. Dezember 2024 brach die Herrschaft Bashar al-Assads nach einer überraschend schnellen Offensive oppositioneller Kräfte unter maßgeblicher Führung von HTS zusammen. Assad floh nach Russland; al-Sharaa trat nun zunehmend unter seinem bürgerlichen Namen auf und wurde zum faktischen neuen Machthaber in Damaskus.

(Quelle: Reuters, 8. Dezember 2024:
https://www.reuters.com/world/middle-east/syria-rebels-celebrate-captured-homs-set-sights-damascus-2024-12-07/)

Nur zwölf Tage später, am 20. Dezember 2024, traf eine hochrangige amerikanische Delegation unter Leitung der US-Diplomatin Barbara Leaf al-Sharaa persönlich in Damaskus. Die Gespräche wurden von amerikanischer Seite als „good“ und „very productive“ beschrieben. Leaf erklärte anschließend, Washington werde die zehn Millionen Dollar hohe Belohnung auf al-Sharaa nicht mehr weiterverfolgen. Seine formellen Terrorismussanktionen bestanden zu diesem Zeitpunkt zunächst weiter.

(Quelle: Reuters, 20. Dezember 2024:
https://www.reuters.com/world/top-us-officials-damascus-meet-new-syrian-rulers-state-department-says-2024-12-20/)

Die zeitliche Entwicklung ist bemerkenswert: Noch wenige Jahre zuvor hatte Washington bis zu zehn Millionen Dollar für Informationen angeboten, die zur Lokalisierung dieses Mannes führen sollten. Nun saßen amerikanische Diplomaten mit ihm am Tisch, weil er zum entscheidenden politischen Akteur in Damaskus geworden war.

Am 29. Januar 2025 wurde Ahmed al-Sharaa zum Präsidenten Syriens für die Übergangsphase erklärt. Zugleich wurde die bisherige Verfassung außer Kraft gesetzt und ihm die Aufgabe übertragen, für die Übergangszeit einen legislativen Rat zu bilden. Damit stand ein Mann an der Spitze des syrischen Staates, dessen frühere Zugehörigkeit zum Al-Qaida-Umfeld dokumentiert und der international weiterhin sanktioniert war.

(Quelle: Reuters, 29. Januar 2025:
https://www.reuters.com/world/middle-east/syrias-leader-sharaa-named-president-transitional-period-state-news-agency-says-2025-01-29/)

Nur wenige Monate später kam es zu einem weiteren politischen Wendepunkt. Am 14. Mai 2025 traf US-Präsident Donald Trump al-Sharaa in Riad. Damit saß ein Mann, der sich rund zwei Jahrzehnte zuvor im Irak Al-Qaida angeschlossen hatte, nun als syrischer Präsident mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten am Tisch.

(Quelle: Reuters, 14. Mai 2025:
https://www.reuters.com/world/middle-east/trump-meet-syrian-president-saudi-before-heading-qatar-2025-05-14/)

Am 30. Juni 2025 leitete Washington dann auch formal einen weitreichenden Kurswechsel gegenüber Syrien ein. Präsident Trump ordnete die Aufhebung des umfassenden amerikanischen Syrien-Sanktionsprogramms an. Das Weiße Haus erklärte ausdrücklich, die politischen Umstände hätten sich verändert, und verwies dabei unter anderem auf „positive actions“ der neuen syrischen Regierung unter Präsident Ahmed al-Sharaa. Zugleich hielt Washington fest, dass diese Öffnung keine Entlastung für ISIS oder andere Terrororganisationen bedeuten solle.

(Quelle: The White House, Executive Order, 30. Juni 2025:
https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/06/providing-for-the-revocation-of-syria-sanctions/)

Am 7. Juli 2025 erklärte US-Außenminister Marco Rubio die Einstufung der al-Nusra-Front beziehungsweise HTS als „Foreign Terrorist Organization“ für aufgehoben; die Entscheidung trat am 8. Juli in Kraft. Damit wurde eine Organisation von der amerikanischen FTO-Liste gestrichen, die aus dem früheren syrischen Al-Qaida-Ableger hervorgegangen war.

(Quelle: U.S. Department of State, 7. Juli 2025:
https://www.state.gov/releases/office-of-the-spokesperson/2025/07/revoking-the-foreign-terrorist-organization-designation-of-hayat-tahrir-al-sham)

Zu diesem Zeitpunkt war al-Sharaa persönlich jedoch noch nicht vollständig aus dem internationalen Sanktionssystem verschwunden. Der nächste entscheidende Schritt folgte am 6. November 2025. Der UN-Sicherheitsrat beschloss mit Resolution 2799, Ahmed al-Sharaa von der ISIL/Al-Qaida-Sanktionsliste zu streichen. Die Resolution wurde mit 14 Stimmen bei einer Enthaltung angenommen.

(Quelle: UN Security Council, Resolution 2799, 6. November 2025:
https://main.un.org/securitycouncil/en/content/sres27992025)

Am folgenden Tag, dem 7. November 2025, hoben auch die Vereinigten Staaten die persönlichen Terrorismussanktionen gegen al-Sharaa auf. Reuters berichtete, dass Washington seine Einstufung als „Specially Designated Global Terrorist“ entfernte. Großbritannien hob ebenfalls Sanktionen gegen ihn auf.

(Quelle: Reuters, 7. November 2025:
https://www.reuters.com/world/middle-east/us-removes-sanctions-syrian-president-ahead-meeting-with-trump-2025-11-07/)

Nur drei Tage später, am 10. November 2025, wurde Ahmed al-Sharaa von Donald Trump im Weißen Haus empfangen. Es handelte sich um den ersten Besuch eines syrischen Staatsoberhaupts im Weißen Haus. Der Mann, auf den Washington einige Jahre zuvor noch eine Belohnung von bis zu zehn Millionen Dollar ausgesetzt und den es seit 2013 als Terroristen sanktioniert hatte, saß nun als Staatspräsident mit dem amerikanischen Präsidenten zusammen. Trump bezeichnete ihn nach dem Treffen als „strong leader“ und erklärte, die USA wollten Syrien beim Erfolg unterstützen.

(Quelle: Reuters, 10. November 2025:
https://www.reuters.com/world/middle-east/trump-meet-sharaa-white-house-capping-major-turnaround-syria-2025-11-10/)

Auch Europa behandelte al-Sharaa inzwischen als staatlichen Partner. Am 9. Januar 2026 reisten EU-Ratspräsident António Costa und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach Damaskus und trafen ihn offiziell als „President of Syria“. Costa erklärte, die Europäische Union unterstütze einen demokratischen und inklusiven Übergang und wolle eine neue Partnerschaft mit Syrien entwickeln.

(Quelle: Europäischer Rat, 9. Januar 2026:
https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2026/01/09/opening-remarks-by-president-antonio-costa-at-the-meeting-with-president-of-syria-ahmed-al-sharaa/)

Am 31. März 2026 wurde al-Sharaa schließlich auch in Downing Street empfangen. Der britische Premierminister Keir Starmer traf ihn dort als Präsidenten Syriens. Nach der offiziellen Mitteilung der britischen Regierung sprachen beide unter anderem über Terrorismusbekämpfung, Grenzsicherung und Migration.

(Quelle: Britische Regierung, 31. März 2026:
https://www.gov.uk/government/news/pm-meeting-with-president-ahmed-al-sharaa-of-syria-31-march-2026)

Diese Entwicklung sollte weder polemisch noch verschwörungstheoretisch gelesen werden. Sie beweist nicht, dass al-Sharaas frühere jihadistische Vergangenheit erfunden gewesen wäre, und sie macht seine frühere Zugehörigkeit zum Al-Qaida-Umfeld nicht rückwirkend ungeschehen. Ebenso wenig folgt daraus automatisch, dass jede spätere politische Neubewertung durch Washington, die Vereinten Nationen oder europäische Regierungen falsch sein muss. Menschen können ihre Positionen verändern, Organisationen können sich verändern, und auch politische Konstellationen können sich grundlegend wandeln.

Gerade deshalb ist der Fall für die Frage nach „dem Westen“ so aufschlussreich. Der Westen erscheint hier nicht nur als abstrakte Wertegemeinschaft von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten, sondern zugleich als handelnder politischer Akteur. Westliche Staaten führen Kriege, verhängen Sanktionen, definieren Personen und Organisationen als terroristische Akteure, beginnen später mit ihnen zu verhandeln, überprüfen ihre Einstufungen und können frühere Gegner unter veränderten politischen Bedingungen schließlich als staatliche Partner behandeln. Der Fall al-Sharaa dokumentiert diese Veränderlichkeit in ungewöhnlicher Deutlichkeit.

Zwischen dem jungen al-Sharaa, der sich nach der amerikanisch geführten Invasion von 2003 im Irak Al-Qaida anschloss, und dem Präsidenten al-Sharaa, der 2025 im Weißen Haus und 2026 von den Spitzen der Europäischen Union und der britischen Regierung empfangen wurde, liegen mehr als zwanzig Jahre Krieg, jihadistische Militanz, Haft, innerjihadistische Konflikte, organisatorischer Wandel, Staatszerfall und geopolitische Neuordnung. Diese Biografie allein erklärt weder Islamismus noch „Westenfeindlichkeit“. Sie zeigt aber, warum es wissenschaftlich zu kurz greift, politische und historische Kontexte aus einer solchen Analyse herauszulösen.

Gerade die Kausalrichtung verdient deshalb Aufmerksamkeit. Es ist keineswegs ausgemacht, dass ein fertiges „Feindbild Westen“ immer zuerst vorhanden ist und anschließend die Radikalisierung erzeugt. In manchen Fällen können konkrete Kriegserfahrungen, politische Ereignisse, persönliche Kränkungen und bereits vorhandene religiöse Vorstellungen erst im Verlauf einer Radikalisierung zu einem umfassenden ideologischen Feindbild zusammengesetzt werden. Extremistische Ideologie macht dann aus dem Handeln bestimmter Regierungen „den Westen“, aus einem konkreten Krieg einen angeblich ewigen Krieg gegen „den Islam“ und aus politischer Kritik eine Vorstellung kollektiver Feindschaft.

Wer den Irakkrieg kritisiert, ist deshalb noch lange nicht „westenfeindlich“. Wer aus dem Irakkrieg jedoch ableitet, alle westlichen Gesellschaften seien Feinde der Muslime und westliche Zivilisten deshalb legitime Ziele, verwandelt ein reales politisches Ereignis in ein ideologisches Feindbild. Eine wissenschaftliche Analyse müsste gerade erklären, wie dieser Übergang zustande kommt, statt das fertige Feindbild bereits an den Anfang der Erklärung zu stellen.

Reale Konflikte und jihadistische Propaganda gehören analytisch zusammen

Wie wichtig diese Unterscheidung ist, zeigt beispielsweise die Forschung zu jihadistischen Narrativen über Frankreich. Eine Studie des International Centre for Counter-Terrorism dokumentierte, wie jihadistische Propaganda französische Außenpolitik, die Unterstützung bestimmter Regime, militärisches Handeln in Afrika und die koloniale Vergangenheit aufgreift und zu einem umfassenden Narrativ vom angeblichen „Krieg gegen den Islam“ verdichtet. (icct.nl)

Genau hier muss Wissenschaft sauber trennen.

Dass Frankreich eine Kolonialgeschichte besitzt, ist Realität. Dass jihadistische Propagandisten daraus die Behauptung ableiten, „der Westen“ führe seit Jahrhunderten einen einheitlichen Krieg gegen „den Islam“, ist Ideologie.

Dass der Irakkrieg stattgefunden hat, ist Realität. Daraus abzuleiten, jeder westliche Bürger sei Teil eines Krieges gegen Muslime und deshalb legitimes Angriffsziel, ist terroristische Propaganda.

Das eine zu benennen relativiert das andere nicht. Im Gegenteil: Nur wer beides auseinanderhält, kann zeigen, wie Propaganda funktioniert.

Eine Anekdote ist kein Datensatz

Besonders problematisch wird eine gesellschaftliche Diagnose, wenn sie sich auf einzelne Erlebnisse stützt.

Wenn jemand tatsächlich behauptet, im Westen würden Mütter ihre Söhne und Väter ihre Töchter heiraten, dann ist das ein drastisches Beispiel für groteske Vorstellungen über westliche Gesellschaften. Solche Vorstellungen sollte man nicht verharmlosen.

Wissenschaftlich bleibt ein solches Gespräch aber eine Anekdote.

Welche Länder sind mit „islamisch geprägten Gesellschaften“ gemeint? Bosnien, die Türkei, Marokko, Pakistan, Indonesien und Saudi-Arabien? Welche Generation? Welche Bildungsschicht? Welches politische Milieu? Welche Religiosität? Welche Vergleichsgruppe? Wie viele Menschen teilen eine bestimmte Vorstellung? Und nach welcher Skala wird zwischen Kritik, Ressentiment und Feindschaft unterschieden?

Persönliche Erfahrung kann eine wichtige Hypothese hervorbringen. Sie kann Anlass für Forschung sein. Sie ersetzt aber keine Forschung.

Gerade bei einem Gegenstand wie „Westenfeindlichkeit“ ist diese Unterscheidung unverzichtbar.

Ist Kritik am Westen eine „Identitätskrise“?

Ähnlich problematisch ist das Bild von Menschen, die gerne im Westen leben, seine Freiheiten, seinen Wohlstand und seine Lebensqualität genießen, ihn aber gleichzeitig ablehnen und deshalb in einen Identitätskonflikt geraten.

Solche Widersprüche existieren zweifellos. Es gibt Menschen, die die Freiheit einer offenen Gesellschaft nutzen und gleichzeitig genau diese Freiheit ideologisch verachten. Dieses Phänomen verdient Aufmerksamkeit.

Aber auch hier muss unterschieden werden.

Ein österreichischer Muslim kann die Bundesverfassung, Demokratie, Rechtsstaat, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und persönliche Freiheitsrechte bejahen und gleichzeitig den Irakkrieg ablehnen. Er kann Österreich als seine Heimat betrachten und französische Afrikapolitik kritisieren. Er kann die Rechte homosexueller Menschen gegen Gewalt verteidigen und zugleich mit amerikanischer Nahostpolitik nicht einverstanden sein.

Das ist nicht automatisch eine Identitätskrise und schon gar kein Hinweis auf Radikalisierung.

Es kann schlicht demokratische Mündigkeit sein.

Die Demokratie verlangt von ihren Bürgern keine Dankbarkeit gegenüber jeder Entscheidung ihrer Regierung. Sie verlangt die Anerkennung der demokratischen und rechtsstaatlichen Ordnung. Gerade diese Ordnung garantiert das Recht, staatliche Politik zu kritisieren.

Wer diese Ebenen vermischt, riskiert, aus legitimer politischer Kritik ein kulturelles Loyalitätsproblem zu machen.

Feindbilder entstehen nicht nur in eine Richtung

Hier fehlt in vielen Debatten eine weitere Dimension.

„Westenfeindlichkeit“ entsteht nicht im luftleeren Raum. Ebenso wenig entsteht Muslimfeindlichkeit oder Islamfeindlichkeit im luftleeren Raum. Unterschiedliche extremistische Milieus können einander beobachten, bestätigen und gegenseitig radikalisieren.

Die europäische Radikalisierungsforschung spricht in diesem Zusammenhang von „cumulative extremism“. Eine Analyse für das Radicalisation Awareness Network beschreibt einen Prozess, in dem verschiedene Formen von Extremismus miteinander interagieren und sich über Reaktion und Gegenreaktion gegenseitig verstärken können. Besonders wichtig sind dabei „us-versus-them“-Narrative: Die eigene Gruppe wird als bedrohtes Opfer dargestellt, die jeweils andere als existentielle Gefahr. Die Bedrohungswahrnehmung auf der einen Seite kann Mobilisierung erzeugen, die wiederum die Opfer- und Bedrohungspropaganda der anderen Seite stärkt.

Der Islamist sagt: Der Westen bekämpft den Islam.

Der Rechtsextremist sagt: Der Islam bedroht den Westen.

Beide suchen anschließend bevorzugt nach jenen Bildern, Gewalttaten und Aussagen, die ihr bereits vorhandenes Weltbild bestätigen. Der Terroranschlag eines Islamisten wird zum vermeintlichen Beweis für die Gefährlichkeit aller Muslime. Die Hetze eines Rechtsextremisten wird zum vermeintlichen Beweis dafür, dass „der Westen“ alle Muslime bekämpfe.

Wissenschaft sollte sich nicht für eines dieser Feindbilder entscheiden. Ihre Aufgabe besteht darin, den Mechanismus ihrer gegenseitigen Verstärkung offenzulegen.

Diskriminierung erklärt keinen Terror – aber sie darf auch nicht verschwinden

An dieser Stelle muss auch ein unangenehmer empirischer Befund erwähnt werden.

Die EU-Grundrechteagentur FRA berichtete 2024 auf Grundlage ihrer Befragung von Muslimen beziehungsweise Einwanderern und deren Nachkommen in 13 EU-Staaten, dass 47 Prozent der Befragten in den vorangegangenen fünf Jahren rassistische Diskriminierung erlebt hatten. Besonders hohe Werte wurden in Österreich mit 71 Prozent und Deutschland mit 68 Prozent gemessen. Die FRA dokumentierte Probleme insbesondere auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt sowie rassistische Belästigung. (FRA)

Auch hier muss die Schlussfolgerung präzise bleiben: Diskriminierung macht aus Menschen keine Terroristen. Millionen Menschen erfahren Benachteiligung und radikalisieren sich nicht. Die Zahlen sind weder Entschuldigung noch unmittelbare Terrorismuserklärung.

Aber wer untersucht, warum extremistische Propaganda mit der Erzählung „Ihr gehört hier nicht dazu“ oder „Der Westen hasst euch“ bei einzelnen Menschen Resonanz finden kann, darf reale Diskriminierungserfahrungen nicht aus der Analyse verbannen.

Sonst überlässt man den Extremisten ein reales gesellschaftliches Problem und erlaubt ihnen, es nach ihren Bedürfnissen umzudeuten.

Historische Gewalttexte erklären Gegenwartsgewalt nicht allein

Auch die Rolle historischer religiöser Texte verdient Differenzierung.

Es ist richtig, alte Texte nicht mechanisch auf heutige gesellschaftliche Verhältnisse zu übertragen. Es ist ebenso richtig, gewaltlegitimierende religiöse Interpretationen kritisch zu hinterfragen. Eine zeitgemäße islamische Theologie muss mit Menschenrechten, Rechtsstaat, individueller Freiheit und religiösem Pluralismus umgehen können.

Aber aus der Existenz historischer Gewalttexte folgt nicht automatisch gegenwärtige Gewalt.

Ein bewusst zugespitztes Beispiel verdeutlicht das methodische Problem. Die französische Nationalhymne enthält bis heute im Refrain die Worte „Qu’un sang impur / Abreuve nos sillons“ – sinngemäß soll „unreines Blut“ die Furchen tränken. Das ist keine polemische Übersetzung, sondern der offizielle Text des französischen Präsidentenamtes. (elysee.fr)

Niemand würde daraus seriös folgern, die heutige französische Republik produziere aufgrund dieser Zeilen zwangsläufig politische Gewalt.

Gleichzeitig gehört zu Frankreichs Geschichte reale koloniale Gewalt. Die französische Aufarbeitung des Algerienkrieges dokumentiert Folter, außergerichtliche Tötungen und schwere staatliche Übergriffe. Französische offizielle Erinnerungspolitik und historische Kommissionen beschäftigen sich inzwischen selbst ausführlich damit. (Vie Publique)

Es geht hier ausdrücklich nicht um eine Gleichsetzung der Marseillaise mit islamistischen Textinterpretationen und schon gar nicht um eine Relativierung jihadistischer Gewalt.

Der methodische Punkt ist ein anderer: Historische Texte erklären moderne Gewalt nicht allein. Entscheidend ist, wann, von wem, in welchem politischen Umfeld und zu welchem Zweck ein Text interpretiert, aktiviert und zur Legitimation von Gewalt eingesetzt wird.

Genau deshalb braucht die Erforschung islamistischer Gewalt sowohl Theologie als auch Sozialwissenschaft, Geschichte, Psychologie und Politikwissenschaft.

Die Bildsprache und ihre Ambivalenz

Bemerkenswert ist schließlich die Bebilderung des Ausgangsbeitrags: eine grotesk verzerrte, beinahe dämonische Weihnachtsmannfigur vor dunklem Hintergrund.

Die Intention des Bildes lässt sich aus der Illustration allein nicht eindeutig bestimmen. Man kann sie durchaus als Visualisierung jener Dämonisierung westlicher Kultur lesen, die der Text kritisieren möchte. Gerade deshalb bleibt die Wahl jedoch bemerkenswert: Ein Beitrag, der gegen pauschale Feindbilder argumentieren will, arbeitet selbst mit einer extrem emotionalisierten Feindbildästhetik.

Bilder sind in öffentlichen Debatten keine neutralen Dekorationen. Sie setzen einen emotionalen Rahmen, bevor der erste Absatz gelesen ist. Wissenschaftliche Differenzierung und visuelle Dämonisierung stehen deshalb zumindest in einer erklärungsbedürftigen Spannung.

Hinzu kommt eine kulturhistorische Ironie. Nikolaus von Myra, eine der historischen Wurzeln der späteren Nikolaus- und Santa-Claus-Tradition, wird traditionell mit Patara in Lykien und seinem Bischofssitz Myra verbunden – beides im Gebiet der heutigen Türkei. Die heutige Santa-Claus-Figur ist natürlich das Ergebnis einer viel späteren europäischen und nordamerikanischen Kulturgeschichte und darf nicht einfach als „türkische Figur“ bezeichnet werden. Aber schon die anatolische Herkunft des Nikolaus zeigt, wie wenig sich jahrtausendealte Kulturgeschichte in saubere Kästchen „West“ und „Ost“ oder „christlich“ und „muslimisch“ einsperren lässt. (Vatican News)

Gerade deshalb eignet sich ein reales Bild aus der heutigen Türkei, auf dem eine Weihnachtsmannfigur Menschen in einer öffentlichen Neujahrsszene begegnet, viel besser als Symbol für diese Analyse: Kulturen existieren nicht als hermetisch abgeschlossene Blöcke. Sie überlagern, übernehmen und verändern einander.

Was die Kommentarspalte sichtbar macht

Interessant ist schließlich, was unter einem solchen Beitrag geschieht.

Kommentarspalten beweisen keine Kausalität. Ein Autor kann nicht für jede Äußerung verantwortlich gemacht werden, die andere unter seinem Beitrag veröffentlichen. Sie zeigen aber, an welche vorhandenen Deutungsmuster ein Text anschlussfähig sein kann.

Unter dem diskutierten Beitrag wird beispielsweise der Islam als nahezu einheitliches und unveränderliches System dargestellt, das kritische Distanz kaum zulasse. Ein anderer Kommentar kommt schließlich zu der Forderung, zum „Schutz der westlichen Bevölkerung“ führe an einer „zwangsweisen Remigration“ solcher Personen kein Weg vorbei. Gleichzeitig warnt eine andere Stimme in derselben Diskussion davor, Menschen über pauschale Identitätsbegriffe grundlos Gruppen zuzuordnen und dadurch konstruierte Feindbilder zu schaffen.

Gerade diese Spannweite ist lehrreich.

Aus der notwendigen Kritik an Islamismus kann sehr schnell eine pauschale Rede über „die Muslime“ werden. Aus einer Diskussion über religiös motivierte Gewalt kann die Forderung nach kollektiver Ausweisung entstehen.

Umgekehrt kann die notwendige Kritik an antimuslimischer Pauschalisierung dazu missbraucht werden, islamistische Ideologien zu verharmlosen.

Beides ist falsch.

Wer Islamismus wirksam bekämpfen will, muss deshalb besonders präzise sein. Pauschalisierung ist nicht nur moralisch problematisch; sie ist strategisch kontraproduktiv. Denn sie bestätigt exakt jene binäre Erzählung, von der Extremisten leben: hier „der Westen“, dort „der Islam“.

Die zwei Fragen, die am Ende bleiben

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit islamistischem Terror muss religiöse Ideologien, gewaltlegitimierende Theologien und antiwestliche Ressentiments untersuchen. Nichts davon sollte beschönigt werden. Ein freiheitlicher Rechtsstaat darf gegenüber religiös begründetem Hass keine falsche Rücksicht nehmen.

Genauso ernsthaft muss Wissenschaft aber fragen, unter welchen politischen, historischen, sozialen und individuellen Bedingungen solche Ideologien Resonanz gewinnen. Kriege, autoritäre Regime, staatliche Gewalt, soziale Netzwerke, Gruppendynamiken, persönliche Krisen, Diskriminierung, Identitätskonflikte und reale wie imaginierte politische grievances verschwinden nicht dadurch, dass man sie in einer Analyse nicht erwähnt.

Deshalb bleiben zwei Fragen.

Wenn wir die Entstehung von „Westenfeindlichkeit“ untersuchen wollen: Warum kommt der Westen als handelnder politischer Akteur in solchen Ursachenanalysen so häufig kaum vor?

Und ebenso wichtig: Wo verläuft die wissenschaftlich notwendige Grenze zwischen tatsächlicher Westenfeindlichkeit und legitimer Kritik an der Politik westlicher Staaten?

Islamistische Ideologie und religiös legitimierte Gewalt müssen ohne jede Beschönigung kritisiert werden. Ebenso müssen westliche Machtpolitik, reale Diskriminierungserfahrungen und die wechselseitige Produktion von Feindbildern untersucht werden. Das eine relativiert das andere nicht.

Gerade wer Islamismus bekämpfen will, braucht dort Präzision, wo Extremisten von Pauschalisierung leben. Wissenschaftliche Kritik verliert ihre Kraft, sobald sie selbst mit den geschlossenen Kategorien arbeitet, die sie eigentlich aufbrechen müsste.

Quellen

  1. Land Berlin/Berlin.de, „Ahornbaum und Regenbogenbank erinnern an Anschlag beim CSD“, 6. August 2026: aktueller offizieller Stand zum Anschlag, eine Tote und 31 Verletzte. (Berlin)
  2. Europäische Kommission/Radicalisation Awareness Network, Magnus Ranstorp & Marije Meines, „The Root Causes of Violent Extremism“, Juli 2024: Radikalisierung hat keinen einzelnen Grund und keinen einzigen Verlauf. (Migration and Home Affairs)
  3. UNDP, „Journey to Extremism in Africa: Pathways to Recruitment and Disengagement“, 2023: 2.196 Interviews, darunter 1.181 Mitglieder bzw. ehemalige Mitglieder gewaltextremistischer Gruppen; umfangreiche Daten zu Rekrutierung, Religion, sozialen Faktoren und „tipping points“.
  4. Europäische Kommission/RAN Policy Support, „New Trends in Jihadism“, 2024: „cumulative extremism“, wechselseitige Verstärkung extremistischer Bewegungen und „us-versus-them“-Narrative.
  5. EU Agency for Fundamental Rights, „Being Muslim in the EU“, 2024: Diskriminierungserfahrungen muslimischer Befragter in 13 EU-Staaten; Fünfjahreswerte u. a. Österreich 71 Prozent, Deutschland 68 Prozent. (FRA)
  6. Brown University, Watson Institute, Costs of War: mehr als 940.000 direkte Kriegstote in den untersuchten Post-9/11-Kriegsgebieten 2001–2023, darunter mehr als 432.000 Zivilisten; geschätzte 3,6–3,8 Millionen indirekte Todesfälle. (Costs of War)
  7. Institute for Economics & Peace, „Global Terrorism Index 2026“: aktuelle geografische Verteilung terroristischer Gewalt; starke Konzentration in Pakistan und Subsahara-Afrika sowie erhebliche jihadistische Gewalt in Nigeria und der Sahelregion.
  8. International Centre for Counter-Terrorism, Laurence Bindner, „Jihadists’ Grievance Narratives against France“, 2018: Instrumentalisierung von Außenpolitik, Kolonialgeschichte und innenpolitischen Konflikten in jihadistischer Propaganda. (icct.nl)
  9. Présidence de la République française/Élysée, offizieller Text der „Marseillaise“, einschließlich „Qu’un sang impur / Abreuve nos sillons“. (elysee.fr)
  10. Benjamin Stora, „Les questions mémorielles portant sur la colonisation et la guerre d’Algérie“, Bericht für die französische Präsidentschaft, 2021: Algerienkrieg, Folter, Erinnerungspolitik und historische Aufarbeitung. (Vie Publique)
  11. Vatican News, „St. Nicholas of Bari, Bishop of Myra“: Überlieferung zu Patara, Myra und Nikolaus als historischem Ausgangspunkt späterer Nikolaus-Traditionen. (Vatican News)

 

Birol Kilic

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