Sechs Jahrzehnte traumhafte Liebe: Eine Wienerin und ein türkischer Diplomat
Links: Die Niederösterreicherin Silvia Tacar und ihr Mann Pulat Tacar mit dem Buch „Das Leben ist ein Traum – Lest uns aus der Feder der Katzen“. (C) Birol Kılıç, Café Mozart

Eine Wiener Erinnerung an den Doyen der türkischen Diplomatie, Botschafter Pulat Tacar

Redaktionelle Vorbemerkung

Am 19. Juli 2026 veröffentlichte die traditionsreiche, republikanisch-säkulare türkische Tageszeitung Cumhuriyet auf ihrer zweiten Seite einen persönlichen Erinnerungsbeitrag des in Wien lebenden Verlegers und Publizisten Birol Kılıç über Pulat Tacar, einen der Doyens der türkischen Diplomatie. Der frühere Botschafter starb im Alter von 95 Jahren in Bodrum, geborgen in den Armen seiner geliebten, aus Wien stammenden Ehefrau Sylvia Tacar. Bis zu seinem letzten Atemzug hielt die 85-Jährige seine Hand; um sie herum waren jene Katzen versammelt, die das gemeinsame Leben des Paares über viele Jahre begleitet hatten – beinahe so, als würden auch sie in stiller Nähe Abschied nehmen und für ihn beten. Sylvia Tacar setzt ihr Leben nun allein mit den Katzen fort, die Teil ihrer gemeinsamen Geschichte geworden sind. Pulat Tacar jedoch bleibt nicht nur als bedeutender Diplomat, Schriftsteller und Denker in Erinnerung, sondern vor allem als beispielhafter Mensch, Brückenbauer,  dessen Haltung, Bildung, Anstand und Menschlichkeit ihn weit über seine Ämter hinaus in das Gedächtnis seiner Zeit eingeschrieben haben.

Der Text verbindet einen Nachruf mit den Erinnerungen an eine Begegnung, die am 9. November 2021 im historischen Café Mozart neben der Wiener Staatsoper stattfand. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein der Diplomat, Schriftsteller und Intellektuelle Pulat Tacar, sondern auch eine außergewöhnliche österreichisch-türkische Lebens- und Liebesgeschichte, die 1960 in Wien begann und mehr als sechs Jahrzehnte währte.

Was Sylvia und Pulat Tacar miteinander verband, waren nicht nur Liebe, Achtung und Treue, sondern auch Bildung, kulturelle Offenheit und die Fähigkeit, Herkunft nicht als Grenze, sondern als menschliche Bereicherung zu begreifen.

Die nachfolgende deutsche Fassung folgt dem türkischen Original in Inhalt, Aufbau, Wiederholungen und Ton. Ergänzende Abschnitte erläutern einzelne historische und kulturelle Bezüge für deutschsprachige Leser, ohne den ursprünglichen Text und seinen inneren Rhythmus zu verändern.

Nachfolgend die deutsche Übersetzung des türkischen Essays von Birol Kılıç aus Wien, der in der Tageszeitung Cumhuriyet auf Seite 2 veröffentlicht wurde.

Cumhuriyet, Seite 2, Istanbul, 19.07.2026

Zum Andenken an den Doyen der türkischen Diplomatie, Botschafter Pulat Tacar

Pulat Tacar, einer der Doyens der Diplomatie der Republik Türkei, Schriftsteller, Denker und ein wahrer „Citoyen“, ist im Alter von 95 Jahren in Bodrum verstorben. An seiner Seite stand über mehr als sechs Jahrzehnte Sylvia Tacar, eine Niederösterreicherin und Wienerin, die ihm in Liebe, Achtung und tiefer innerer Verbundenheit durch das Leben folgte. Pulat Tacar lernte sie vor über sechzig Jahren während seiner diplomatischen Tätigkeit kennen und machte ihr einen Heiratsantrag, obwohl Eheschließungen mit ausländischen Staatsbürgerinnen im türkischen Außenministerium jener Zeit für Diplomaten nicht gestattet waren. Er ging damit als einer der ersten türkischen Diplomaten in die Geschichte ein, der dieses Verbot aus Liebe durchbrach. Mit seinem umfassenden Wissen, seiner Mehrsprachigkeit, seiner diplomatischen Erfahrung und seiner außergewöhnlichen geistigen Weite hinterließ er nicht nur bedeutende Werke, sondern auch zahlreiche Freunde, Weggefährten und ein Vermächtnis, das weit über sein eigenes Leben hinausreicht.

Der Citoyen als säkular-republikanisches Ideal

Die Bezeichnung „Citoyen“ ist in diesem Text bewusst gewählt. Sie beschreibt mehr als den rechtlichen Status eines Staatsbürgers. Gemeint ist der aufgeklärte, verantwortungsbewusste und selbständig denkende Mensch, der sich nicht als Untertan, sondern als aktives Mitglied der Gesellschaft begreift.

Pulat Tacar verkörperte dieses republikanische Ideal: gebildet, weltzugewandt, dem Recht und der Vernunft verpflichtet und zugleich bereit, Geschichte nicht als starres Dogma, sondern mit kritischem Verantwortungsbewusstsein zu betrachten. Sein Verständnis von Diplomatie beruhte nicht allein auf der Vertretung staatlicher Interessen. Es schloss das Zuhören, das Verstehen und die Suche nach tragfähigen Brücken zwischen Menschen, Staaten und Kulturen ein.

Pulat Tacar, einer der Doyens der Diplomatie der Republik Türkei, Schriftsteller, Intellektueller und ein wahrer „Citoyen“, ist im Alter von 95 Jahren in Bodrum aus dem Leben geschieden. Möge seine Seele Frieden finden.

Als einer der herausragenden Vertreter jener erlesenen Generation der türkischen Diplomatie, die im Geist und in den Werten der Republik herangewachsen war, hinterließ Tacar ein bedeutendes geistiges Vermächtnis. Dieses gründete sich nicht allein auf die hohen Ämter, die er im Laufe seines diplomatischen Lebens bekleidete, sondern ebenso auf die Bücher, die er nach seinem Eintritt in den Ruhestand verfasste, auf seine Arbeiten zu Recht und Geschichte sowie auf seine nachhaltigen Beiträge in den Bereichen der Menschenrechte, der Demokratie und der Kulturdiplomatie.

Tacar: „Die Hagia Sophia als gemeinsames Erbe der Menschheit“

Auch in der Debatte um die Hagia Sophia zeigte sich Pulat Tacars republikanisches, völkerrechtlich geschultes und auf Verständigung gerichtetes Denken. In einem im Juni 2020 veröffentlichten Gespräch erklärte er, die Hagia Sophia gehöre rechtlich und territorial unzweifelhaft zur Türkei, sei durch ihre Aufnahme in die Liste des UNESCO-Welterbes jedoch zugleich zu einem gemeinsamen Erbe der gesamten Menschheit geworden.

Hagia Sophia

Mit diesem freiwilligen Schritt habe die Republik Türkei ihre staatliche Souveränität nicht aufgegeben, wohl aber eine besondere Verantwortung gegenüber der internationalen Gemeinschaft übernommen. Tacar erinnerte daran, dass Atatürks Entscheidung, die Hagia Sophia 1934 in ein Museum umzuwandeln, eine frühe und bedeutende Geste des Dialogs zwischen Religionen und Zivilisationen gewesen sei.

Seine Haltung war eindeutig: „Die Hagia Sophia ist das gemeinsame Erbe der gesamten Menschheit. Sie sollte als Museum erhalten bleiben.“

Sie müsse, so Tacar, unverändert und wie ein der Türkei anvertrautes Gut für kommende Generationen bewahrt werden. Ihre politische Instrumentalisierung vertiefe religiöse Gegensätze, beschädige das internationale Ansehen der Türkei und widerspreche dem säkularen, friedensorientierten und modernisierenden Gründungsgedanken der Republik.

Eine Wiener Erinnerung an ein säkulares, republikanisches Leben

Manche Begegnungen dauern nur wenige Stunden und bleiben dennoch ein Leben lang gegenwärtig. Das Gespräch mit Pulat und Sylvia Tacar im Café Mozart gehörte zu diesen seltenen Augenblicken.

Es war keine gewöhnliche Unterhaltung über ein Buch, über Diplomatie oder über vergangene Jahre. Es war die Begegnung mit zwei Menschen, deren gemeinsames Leben selbst zu einer Erzählung geworden war: zu einer Erzählung von Liebe und Mut, von Heimat und Fremde, von geistiger Unabhängigkeit und von jener stillen Würde, die keiner großen Worte bedarf.

Wir erinnern an Pulat Tacar mit jenem unvergesslichen Gespräch, das wir am 9. November 2021 im historischen Café Mozart unmittelbar neben der Wiener Staatsoper mit ihm führen durften. Damals war er einundneunzig Jahre alt. An seiner Seite befand sich seine in Wien geborene Ehefrau Sylvia Tacar, die seit mehr als sechzig Jahren seine Lebensgefährtin und treue Wegbegleiterin war.

Der verstorbene Pulat Tacar kam jedes Jahr gemeinsam mit seiner Frau Sylvia Tacar nach Wien. Seinen Aufenthalt verbrachte er hier mit einem überaus bescheidenen, zugleich jedoch dichten und außerordentlich anspruchsvollen Kulturprogramm, in dessen Mittelpunkt vor allem die Oper stand. Kennengelernt hatten wir einander durch unsere verlegerische Tätigkeit, durch seine eigenen Werke und durch die Bücher, die wir veröffentlicht hatten.

Eines seiner letzten Werke war den Katzen gewidmet: „Das Leben ist ein Traum – Lest uns aus der Feder der Katzen“. Auch dieses Buch zeigte, dass Pulat Tacar ein großer türkischer Denker war, der den Geist Yunus Emres in sich trug.

Der Geist Yunus Emres

Der im Text erwähnte Yunus Emre zählt zu den bedeutendsten Dichtern und mystischen Denkern der türkischen Sprache. Sein Werk steht für Menschenliebe, Bescheidenheit, innere Reife und die Überwindung trennender Grenzen.

Wenn Pulat Tacar mit dem Geist Yunus Emres in Verbindung gebracht wird, so verweist dies auf eine Haltung, in der Bildung und Gelehrsamkeit nicht zur Überheblichkeit führen, sondern zu Mitgefühl, Maß und menschlicher Nähe. Hinter dem erfahrenen Diplomaten und scharfsinnigen Analytiker stand ein Mensch, für den geistige Größe ohne Menschlichkeit keinen bleibenden Wert besaß.

Als ein Ehepaar, dessen Leben über viele Jahre hinweg eng mit Katzen verbunden war, erzählen Pulat und Sylvia Tacar darin sowohl von den gemeinsam mit ihren Tieren verbrachten Jahren als auch von ihrer eigenen Lebensgeschichte und ihren persönlichen Abenteuern. Sie tun dies aus dem Blickwinkel ihrer Katzen, die sie „meine Mutter“ und „mein Vater“ nennen, und lassen ihre Erinnerungen gleichsam aus dem Mund dieser stillen Gefährten sprechen.

Ein Buch über Katzen – und über das menschliche Leben

„Das Leben ist ein Traum – Lest uns aus der Feder der Katzen“ ist weit mehr als ein Katzenbuch. Indem Sylvia und Pulat Tacar ihre gemeinsame Geschichte aus der Perspektive ihrer tierischen Gefährten erzählen, schaffen sie eine heitere und zugleich tiefgründige Distanz zum eigenen Leben.

Die Katzen werden zu stillen Zeugen einer außergewöhnlichen Ehe, einer diplomatischen Laufbahn, zahlreicher Ortswechsel, historischer Umbrüche und eines langen gemeinsamen Weges. Aus ihrer vermeintlichen Sicht werden Erinnerungen, Beobachtungen und menschliche Schwächen erzählt, ohne dass die Würde der dargestellten Menschen verlorengeht.

Hinter der spielerischen Erzählform steht eine ernste und beinahe philosophische Einsicht: Das Leben vergeht wie ein Traum. Doch Liebe, Erinnerung und das geschriebene Wort vermögen etwas von diesem Traum festzuhalten und über die Grenzen der eigenen Lebenszeit hinaus zu bewahren.

Liebe auf den ersten Blick

Vor genau einundsechzig Jahren war Pulat Tacar in Wien als Diplomat des Außenministeriums der Republik Türkei bei der Internationalen Atomenergie-Organisation der Vereinten Nationen tätig. Er war dreißig Jahre alt.

Am 14. Januar 1960 lernte er bei einer privaten Einladung Sylvia kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Bereits am folgenden Tag, dem 15. Januar 1960, lud er die damals noch junge Wienerin, die in ihren Zwanzigern war, in jenes Café Mozart ein, in dem wir heute saßen. Nach einigen schönen und wohlgewählten Worten stellte er ihr die Frage: „Ich schätze Sie sehr. Was würden Sie davon halten, wenn wir von nun an unser Leben Hand in Hand miteinander teilten?“

Als sich Sylvia Tacar später unserem Gespräch anschloss, fragte ich sie lachend: „Sie haben sich also bereits einen Tag nach Ihrer ersten Begegnung zur Heirat entschlossen. Stimmt das? Wäre es nicht besser gewesen, sich etwas mehr Zeit zu lassen? Weshalb diese Eile?“

Sylvia Tacar schlang ihren Arm um Pulat Bey, lächelte ein wenig verlegen und antwortete: „Es stimmt, es stimmt. Wenn er es so erzählt, dann ist es auch wahr.“

Daraufhin stellte ich ihr eine weitere Frage: „Wir schreiben das Jahr 1960. Ein türkischer Diplomat, den Sie erst am Vortag kennengelernt hatten, reicht Ihnen am nächsten Tag in Wien die Hand und sagt: ‚Mich hat die Liebe wie ein Blitz getroffen.‘ Was sagten Ihre Familie und Ihr Umfeld dazu? Gab es keinerlei Vorurteile gegenüber Türken?“

Sylvia Tacars Antwort kam ohne jedes Zögern: „Nein, die gab es nicht. Weder in meiner Familie noch bei mir selbst oder in meinem Umfeld. Niemand legte uns Steine in den Weg. Ganz im Gegenteil: Alle liebten Pulat. Die jungen Türken jener Zeit waren hochgebildete, weltgewandte und mehrsprachige Menschen, hervorgegangen aus dem Außenministerium der Türkei und aus der Türkei Atatürks. Nicht nur Pulat war so. Auch sämtliche türkischen Diplomaten in seinem Umfeld entsprachen diesem Bild. Sie standen weit über dem Durchschnitt eines damaligen Europäers oder Österreichers: intellektuell, fleißig, diszipliniert, kultiviert und ihrer Zeit zugewandt. Es waren beispielhafte junge Menschen.“

Als ich Sylvia Tacar fragte: „Vermissen Sie Wien heute?“, gab sie eine bemerkenswerte Antwort: „Nein, ich vermisse Wien nicht. Ich bin in der Türkei glücklich. Mit meinen Katzen und mit meinem geliebten Ehemann Pulat bin ich sehr glücklich. Ich vermisse Wien nicht …“

Nachklang

Vier Jahre nach jener Begegnung im Café Mozart ist Pulat Tacars Stimme verstummt. Geblieben sind seine Bücher, seine Gedanken und die Erinnerung an einen Menschen, der Diplomatie nicht als bloße Vertretung staatlicher Interessen verstand, sondern als Kunst des Zuhörens, des Verstehens und des Brückenbauens.

Silvia und Pulat Tacar am 9. November 2021 im historischen Café Mozart mit dem Verleger, Autor und Publizisten Birol Kılıç

Geblieben ist auch die Geschichte einer Liebe, die am 14. Januar 1960 in Wien begann, bereits einen Tag später im Café Mozart ihr lebensentscheidendes Versprechen erhielt und mehr als sechs Jahrzehnte überdauerte.

Pulat Tacar hinterließ ein Leben, das von republikanischer Verantwortung, geistiger Disziplin und menschlicher Offenheit geprägt war. Sylvia Tacar blieb über all diese Jahrzehnte hinweg nicht nur seine Ehefrau und Weggefährtin, sondern auch die Zeugin, Mitgestalterin und Bewahrerin dieses gemeinsamen Lebens.

Das Leben mag ein Traum sein. Doch manche Menschen hinterlassen beim Erwachen Spuren, die nicht vergehen.

Birol Kilic

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