Sorry! Austro- und Deutschtürken haben nichts geschenkt bekommen
Wer die Lebensleistung der ersten Gastarbeitergeneration geringschätzt und ihre Kinder und Enkel noch immer als Fremde behandelt, hat nicht nur ein Problem mit der Einwanderung. Er hat ein Problem mit der eigenen Geschichte.
Ein Essay von Birol Kılıç | Türkische Allgemeine, Wien, 24.10.2026
Es gibt Bilder, die mehr über die Geschichte eines Landes erzählen als manche politische Sonntagsrede. Die Filmaufnahmen aus dem vorarlbergischen Frastanz aus dem Jahr 1972 gehören dazu. Türkische Gastarbeiter sitzen in bescheidenen Unterkünften beisammen, sprechen über ihren Alltag, ihre Erfahrungen und ihre Hoffnungen. Man sieht einfache Betten, enge Zimmer, Männer, die miteinander reden, lachen und musizieren. Was heute wie ein Stück vergessener Sozialgeschichte erscheint, war damals für Tausende Menschen der Beginn eines Lebens zwischen zwei Welten.
Diese Männer kamen nicht als Bittsteller. Sie kamen, weil ihre Arbeitskraft gebraucht wurde. Österreich und Deutschland suchten Arbeitskräfte für ihre Fabriken, Baustellen und Industriebetriebe. Menschen aus der Türkei suchten ihrerseits Arbeit, Einkommen und eine bessere Zukunft für ihre Familien. Daraus entstand eine Geschichte, die beide Seiten veränderte, die aber bis heute erstaunlich oft nur aus einer einzigen Perspektive erzählt wird.
Man spricht gerne über die Kosten der Migration, über Integration, Sozialleistungen und gesellschaftliche Konflikte. Über die Menschen, deren Arbeit über Jahrzehnte zum Wohlstand dieser Länder beitrug, wird dagegen häufig gesprochen, als seien sie irgendwann aus dem Nichts aufgetaucht und hätten sich in einer bereits fertig gebauten Gesellschaft niedergelassen. Dabei waren sie längst Teil ihres Aufbaus.
Der Wohlstand hatte auch ihre Hände
Wer heute durch Wien, München, Stuttgart oder die Industrieregionen Vorarlbergs geht, begegnet einer Geschichte, die man nicht immer auf den ersten Blick erkennt. Hinter Produktionshallen, Wohnhäusern, Straßen, Verkehrsbetrieben und wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten stehen auch Lebensleistungen von Menschen, deren Namen kaum jemand kennt.
Viele kamen jung, manchmal mit kaum mehr als einem Koffer, wenigen persönlichen Gegenständen und dem festen Vorsatz, Geld zu verdienen. Manche begannen ihre Arbeit wenige Tage nach ihrer Ankunft. Sie standen an Maschinen, arbeiteten im Schichtbetrieb, auf Baustellen und in Bereichen, in denen Arbeitskräftemangel herrschte und die Bedingungen oft hart waren.
Sie erhielten Lohn für ihre Arbeit. Niemand muss diese historische Tatsache romantisieren. Aber ein Lohn macht körperliche Erschöpfung nicht ungeschehen, ersetzt keine verlorenen Familienjahre und verwandelt schwierige Lebensumstände nicht nachträglich in ein Privileg.
Wer behauptet, dieser Generation sei alles geschenkt worden, verwechselt ein Arbeitsverhältnis mit einem Gnadenakt.
Österreich und Deutschland haben diese Menschen nicht aus reiner Großzügigkeit aufgenommen. Ihre Arbeitskraft war wirtschaftlich erwünscht und wurde benötigt. Migration war damals auch Ergebnis konkreter wirtschaftlicher Interessen. Die Vorstellung, die Aufnahmegesellschaft sei ausschließlich Gebende und der Zugewanderte ausschließlich Empfangender gewesen, ist deshalb nicht nur historisch unvollständig. Sie ist Ausdruck eines Denkens, das den Beitrag des anderen systematisch verkleinert.
Wohlstand entsteht nicht allein durch Kapital, Technologie und politische Entscheidungen. Er entsteht auch durch Menschen, die Maschinen bedienen, Gebäude errichten, Güter transportieren, Dienstleistungen erbringen und mit ihrer täglichen Arbeit eine Volkswirtschaft am Leben erhalten.
Zu diesen Menschen gehörten auch die türkischen Gastarbeiter.
Der Preis eines Lebens zwischen zwei Welten
Doch der wirtschaftliche Beitrag erzählt nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte besteht aus dem, was in keiner volkswirtschaftlichen Bilanz auftaucht.
Wie bewertet man die Jahre eines Vaters, der seine Kinder nur selten sehen konnte? Wie berechnet man das Heimweh einer Mutter, die Tausende Kilometer entfernt arbeitete? Welchen Wert hat die Gesundheit eines Menschen, der jahrzehntelang unter körperlich belastenden Bedingungen beschäftigt war und später die Folgen davon tragen musste?
Manche litten unter berufsbedingten Erkrankungen, andere unter den Folgen schwerer körperlicher Arbeit. Es gab Einsamkeit, beengte Wohnverhältnisse, sprachliche Schwierigkeiten und Erfahrungen der Herabsetzung. Nicht wenige Familien mussten lernen, mit einer dauerhaften Trennung zu leben, obwohl ursprünglich nur ein vorübergehender Aufenthalt geplant gewesen war.
Wer diese Geschichte ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Arbeitsmarktpolitik betrachtet, übersieht die menschliche Dimension.
Das Wort „Gastarbeiter“ selbst verrät viel über das damalige Denken. Ein Gast kommt, bleibt eine gewisse Zeit und geht wieder. Ein Arbeiter erfüllt seine Aufgabe und erhält seinen Lohn. In diesem Begriff begegneten sich zwei Erwartungen, die sich im Laufe der Jahrzehnte als widersprüchlich erwiesen: Man wollte ihre Arbeitskraft, rechnete aber lange nicht damit, dass aus ihrem Aufenthalt eine dauerhafte Lebensgeschichte werden würde.
Aus Gästen wurden Nachbarn. Aus Arbeitern wurden Eltern und Großeltern. Aus vorübergehenden Unterkünften entstanden Lebensmittelpunkte. Kinder wurden geboren, gingen zur Schule, lernten Berufe, studierten und gründeten Familien.
Die Gesellschaft veränderte sich, lange bevor manche politischen Debatten bereit waren, diese Veränderung anzuerkennen.
Wer gehört dazu – und wer entscheidet darüber?
Hier beginnt die eigentliche philosophische Frage.
Was macht einen Menschen zum selbstverständlichen Teil einer Gesellschaft? Seine Herkunft? Sein Name? Seine Religion? Seine Sprache? Oder die Tatsache, dass er seit Jahrzehnten in dieser Gesellschaft lebt, Verantwortung übernimmt und ihre Gegenwart mitgestaltet?
Wer Zugehörigkeit ausschließlich aus Abstammung ableitet, verwandelt die Gesellschaft in eine geschlossene Erbengemeinschaft. Wer dagegen die demokratische Republik ernst nimmt, muss anerkennen, dass das Gemeinwesen nicht einer ethnischen Gruppe gehört. Es lebt von Menschen mit gleichen Rechten und Pflichten. Eine Republik ist kein genealogischer Stammbaum.
Natürlich darf und muss über Migration, Integration, soziale Belastungen und politische Fehlentwicklungen gestritten werden. Demokratie besteht gerade darin, unterschiedliche Interessen und Auffassungen öffentlich zu verhandeln. Auch Menschen türkischer Herkunft sind keine homogene Gemeinschaft, und selbstverständlich gibt es unter ihnen ebenso wie in jeder anderen Bevölkerungsgruppe individuelle Erfolge, Fehler, Konflikte und unterschiedliche politische Überzeugungen.
Kulturellen Rassismus
Aber Kritik an konkretem Verhalten ist etwas grundsätzlich anderes als die pauschale Abwertung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft. Rassismus beginnt dort, wo nicht mehr gefragt wird, was ein Mensch getan hat, sondern woher er stammt. Er beginnt dort, wo aus einem Namen ein Verdacht, aus einer Religion ein Charakterurteil und aus einer Familiengeschichte ein vermeintlich unveränderliches Schicksal gemacht wird. Genau hier beginnt für mich die Diskussion über kulturellen Rassismus. Ich verwende diesen Begriff nicht als Beschimpfung. Gemeint ist ein Mechanismus, bei dem Sprache, Kultur, Religion und Herkunft so stark codiert und kategorisiert werden, dass sie fast wie eine unveränderliche DNA wirken. Der einzelne Mensch kann in Berlin geboren, in Wien aufgewachsen, säkular, links, liberal, konservativ, atheistisch oder gläubig sein; trotzdem wird er über Herkunft und religiöse Symbole immer wieder in denselben Bedeutungsraum zurückgeführt.
Wer so denkt, verweigert dem Einzelnen das Recht, als Individuum wahrgenommen zu werden. Und eine Gesellschaft, die Menschen über Generationen hinweg als Fremde bezeichnet, obwohl sie längst Teil ihres Alltags und ihrer Geschichte sind, muss sich fragen, welches Verständnis von Heimat sie eigentlich verteidigt.
Respekt ist keine Belohnung für wirtschaftliche Nützlichkeit
Dabei sollte eines nicht missverstanden werden: Der Anspruch auf Menschenwürde hängt nicht davon ab, wie viel jemand gearbeitet, welche Steuern er bezahlt oder welchen wirtschaftlichen Erfolg er erreicht hat. Ein Mensch besitzt seine Würde nicht deshalb, weil er eine Fabrik mit aufgebaut hat. Er besitzt sie, weil er Mensch ist.
Das ist ein grundlegender Unterschied. Gerade deshalb darf die historische Leistung der ersten Gastarbeitergeneration nicht als Bewerbung um nachträgliche Anerkennung verstanden werden. Diese Menschen müssen sich ihren Platz in der Geschichte nicht erst verdienen. Ihre Lebensgeschichten sind längst ein Bestandteil dieser Geschichte. Es geht auch nicht darum, die Leistungen der türkischen Gastarbeiter gegen jene österreichischer oder deutscher Arbeiter auszuspielen. Wohlstand war und ist das Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen. Die Anerkennung des einen schmälert nicht die Würde des anderen.
Was jedoch nicht hinnehmbar ist, ist die Vorstellung, Menschen könnten jahrzehntelang zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben beitragen und müssten sich dennoch immer wieder rechtfertigen, warum sie und ihre Nachkommen überhaupt dazugehören. Eine solche Erwartung ist mit dem republikanischen Gedanken gleicher Würde und gleicher staatsbürgerlicher Rechte nicht vereinbar.
Die Kinder und Enkel sind keine ewigen Gäste
Heute sind die Nachkommen jener ersten Generation Unternehmer, Handwerker, Beschäftigte, Ärzte, Lehrer, Wissenschaftler, Journalisten, Künstler und Politiker. Sie sind in unterschiedlichsten Bereichen tätig, tragen Verantwortung und gestalten die Gesellschaften mit, in denen sie leben.
Viele sind österreichische oder deutsche Staatsbürger. Österreich und Deutschland sind für sie keine vorläufigen Aufenthaltsorte, sondern Heimat.
Trotzdem begegnet ihnen gelegentlich noch immer die Frage, woher sie „eigentlich“ kommen. Eine solche Frage kann aus ehrlichem Interesse entstehen. Problematisch wird sie dort, wo sie eine Botschaft transportiert: Du magst hier geboren sein, hier arbeiten, hier deine Familie haben und diesen Staat als deine Heimat verstehen – aber ganz dazugehören wirst du nach unserem Maßstab niemals.
Damit wird Herkunft zu einer unsichtbaren Grenze, die selbst durch mehrere Generationen gemeinsamen Lebens nicht überwunden werden kann. Gerade darin liegt ein Widerspruch mancher Integrationsdebatten. Einerseits wird Zugehörigkeit verlangt, andererseits wird sie Menschen, die längst dazugehören, immer wieder unter Vorbehalt gestellt. Eine Demokratie sollte sich nicht damit abfinden, dass aus den Enkelkindern ehemaliger Gastarbeiter gesellschaftlich ewige Gäste gemacht werden.
Wer die Vergangenheit verdrängt, verengt die Zukunft
Die Bilder aus Frastanz von 1972 erinnern an mehr als nur an eine vergangene Epoche. Sie zeigen Menschen mit Hoffnungen, Sorgen, Talenten, Sehnsüchten und einem bemerkenswerten Willen, sich unter oft schwierigen Bedingungen ein Leben aufzubauen.Sie zeigen keine abstrakte Bevölkerungsgruppe, über die man beliebig politische Urteile fällen kann. Sie zeigen Menschen.
Wer diese Menschen und ihre Nachkommen heute pauschal herabsetzt, missachtet nicht nur einen Teil der Einwanderungsgeschichte. Er beschädigt auch das historische Selbstverständnis jener Länder, deren wirtschaftlichen Aufstieg sie mitgetragen haben.
Denn die Geschichte Österreichs und Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg ist nicht allein die Geschichte derjenigen, deren Familien seit Jahrhunderten dort leben. Sie ist auch die Geschichte jener, die kamen, arbeiteten, blieben und diese Länder mitveränderten. Es ist höchste Zeit, diese Tatsache nicht länger als Randbemerkung, sondern als selbstverständlichen Teil der gemeinsamen Geschichte zu begreifen.
Austro- und Deutschtürken haben nichts geschenkt bekommen. Ihre Eltern und Großeltern haben gearbeitet, verzichtet, gelitten, gehofft und Zukunft geschaffen. Sie verdienen dafür Anerkennung, ohne dass ihre Lebenswege verklärt oder ihre Erfahrungen zu einer einzigen Erfolgsgeschichte vereinfacht werden müssen.
Doch der entscheidende Punkt reicht über die Vergangenheit hinaus.Niemand muss dankbar dafür sein, nicht diskriminiert zu werden. Niemand muss seine Herkunft rechtfertigen, um Anspruch auf Respekt zu haben. Und niemand darf seine Zugehörigkeit zu einer demokratischen Gesellschaft allein deshalb verlieren, weil sein Familienname, seine Sprache oder seine Religion manchen nicht in ihr Weltbild passt.
Die erste Generation hat ihren Beitrag zur gemeinsamen Geschichte geleistet. Die nachfolgenden Generationen dürfen nicht dazu verurteilt werden, ihre Zugehörigkeit immer wieder aufs Neue beweisen zu müssen. Wer das nicht begreift, hat nicht nur die Geschichte der Gastarbeiter missverstanden. Er hat auch den Sinn einer freiheitlichen, vielfältigen, rechtsstaatlichen und demokratischen Republik nicht verstanden.
Q.