Schülerproteste erschüttern Frankreich vor der Präsidentschaftswahl

Schülerproteste erschüttern Frankreich vor der Präsidentschaftswahl

Wien, 20.10.2026 – Ich lebe in Paris. Was ich in Frankreich im vergangenen Monat erlebt habe, habe ich seit Jahren nicht gesehen: Im ganzen Land wurden Gymnasien blockiert, Jugendliche gingen auf die Straße. Am 17. Oktober demonstrierten Hunderttausende gegen die hohen Lebenshaltungskosten. Die Proteste begannen mit konkreten Problemen an einer Schule. Inzwischen prägen sie auch die Debatte über die Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr.

Der Anfang in Créteil

Am 17. September traten Lehrkräfte am Lycée Saint-Exupéry in Créteil, südöstlich von Paris, in den Streik. Für einige Fächer fehlte Personal. Vier Tage später versperrten Schülerinnen und Schüler den Eingang mit Müllcontainern, Tischen und Absperrungen. In Frankreich heißt eine solche Schulblockade „blocus“.

Ihre Forderungen betrafen den Schulalltag: zu wenige Lehrkräfte, überfüllte Klassen, fehlende Tische und Gebäude in schlechtem Zustand. Hinzu kam die Sorge über Parcoursup, das umstrittene Verfahren für die Vergabe von Studienplätzen. Als sich Nachrichten über die Blockade auf TikTok und Snapchat verbreiteten, griffen die Proteste binnen einer Woche auf Hunderte Gymnasien über. Nach Angaben des Innenministeriums waren am 2. Oktober etwa 1.000 Schulen von Aktionen betroffen. An mehr als 560 fiel Unterricht aus, rund 400 blieben vollständig geschlossen. Bald schlossen sich Studierende an.

Gewalt und eine härtere staatliche Reaktion

Die Regierung schlug zunächst eine Plattform vor, um mit den Jugendlichen zu sprechen. Mit der Ausweitung der Bewegung nahm jedoch auch die Gewalt zu. Am 1. Oktober kam es in mehreren Städten zu Bränden und Angriffen auf Schulleitungen; mehr als 300 Polizisten und Gendarmen wurden verletzt. Premierminister Sébastien Lecornu erklärte unter Berufung auf Geheimdienstberichte, hinter der Bewegung stünden La France Insoumise (LFI), die Partei des linken Präsidentschaftsbewerbers Jean-Luc Mélenchon, und linksradikale Kreise. LFI wies den Vorwurf als Verschwörungstheorie zurück.

Auch das Vorgehen der Polizei löste Empörung aus. Am 5. Oktober verlor ein 15-jähriger Schüler in Lens eine Hand, als ein von der Polizei eingesetzter Knallkörper in seiner Hand explodierte. Innenminister Laurent Nuñez setzte daraufhin die Verwendung solcher Sprengkörper bei Schülerprotesten aus. Wenige Tage später erklärte er allerdings, bei „sehr schwerer städtischer Gewalt“ könnten sie wieder eingesetzt werden. Nach Angaben des Justizministeriums wurden seit Beginn der Bewegung 6.100 Menschen festgenommen; viele der betroffenen Jugendlichen sind minderjährig. Bei den Ereignissen am 17. Oktober wurden dem Bericht zufolge mehr als 1.400 Geschäfte geplündert.

Für viele Franzosen wecken die Bilder Erinnerungen an Dezember 2018. Damals ging ein Video aus Mantes-la-Jolie um: Etwa 150 Schüler knieten mit den Händen hinter dem Kopf, während ein Polizist sie als „brave Klasse“ bezeichnete. Gerade Jugendliche aus den Vorstädten haben diese Szene nicht vergessen.

Die Regierung will außerdem einen Gesetzentwurf nach dem Grundsatz „Wer etwas kaputt macht, bezahlt“ voranbringen. Wer öffentliches Eigentum beschädigt, soll für den Schaden aufkommen; nötigenfalls sollen Beträge von Familienleistungen abgezogen werden. Der Senat soll am 27. Oktober darüber beraten. Bei aller Kontroverse gilt beides: Schulen anzuzünden oder Lehrkräfte anzugreifen ist nicht hinnehmbar. Ebenso wenig ist hinnehmbar, dass ein 15-Jähriger bei einem Polizeieinsatz eine Hand verliert. Zwischen diesen beiden Tatsachen steckt Frankreich fest.

Ein Protestaufruf verbreitet sich auf TikTok

Während die Schulproteste anwuchsen, entstand online eine zweite Mobilisierung. Bereits Anfang September kursierten auf TikTok Videos mit dem Aufruf, am 17. Oktober auf die Straße zu gehen. Sie zeigten unter anderem Gelbwesten und Zapfsäulen; kurze Botschaften forderten dazu auf, nicht länger nur zu klagen, sondern zu demonstrieren. Recherchen von Le Monde zufolge stammten die ersten Videos von einem jungen Nutzer ohne bekannte Verbindung zu einer politischen Organisation. Auslöser waren steigende Benzinpreise und die hohen Lebenshaltungskosten.

Die Form der Mobilisierung unterschied sich deutlich von 2018. Damals organisierten sich die Gelbwesten vor allem in Facebook-Gruppen und besetzten Kreisverkehre in kleineren Orten. Diesmal verbreiteten sich mit künstlicher Intelligenz gestaltete Plakate, Animefiguren und kurze Videos mit düsterer Musik. Die neue Bewegung spricht erkennbar die Sprache einer jüngeren Generation.

Am 17. Oktober füllten sich tatsächlich die Straßen. Das Innenministerium zählte landesweit 550.000 Demonstrierende, die Organisatoren sprachen von 800.000. Allein in Paris nahmen 110.000 Menschen teil. In den Demonstrationszügen gingen Schülerinnen und Schüler, Studierende, frühere Gelbwesten, Gewerkschafter, Landwirte und Klimaaktivisten gemeinsam auf die Straße. Der Tag endete jedoch gewaltsam: Nach Angaben des Premierministers wurden 1.200 Menschen festgenommen und 150 Polizisten und Gendarmen verletzt. In Saint-Étienne verlor ein 17-Jähriger ebenfalls durch einen Sprengkörper eine Hand.

Präsident Emmanuel Macron erklärte, wer die öffentliche Ordnung störe oder Gewalt anwende, müsse sich verantworten. Zugleich unterschied er ausdrücklich zwischen friedlich vorgetragenen berechtigten Forderungen und Zerstörung. Er rief Parteien und Gewerkschaften dazu auf, Gewalt klar zu verurteilen, und betonte, über Frankreichs Zukunft müsse an der Wahlurne und in friedlichen Debatten entschieden werden. Die Regierung halte die Tür für Gespräche offen, werde Gesetzesverstöße aber nicht folgenlos lassen.

Macron kann nicht noch einmal kandidieren; seine Amtszeit endet im Mai. Seine Worte lassen sich daher auch als Versuch verstehen, das Land vor dem Ende seiner Präsidentschaft zusammenzuhalten. Ob die Jugendlichen seine Gesprächsbereitschaft für glaubwürdig halten – und ob daraus konkrete Schritte werden –, ist offen.

Eine jüngere Bewegung als 2018

Die Gelbwesten von 2018 waren häufig Menschen mittleren Alters aus Regionen außerhalb der großen Städte, die für den Arbeitsweg auf ihr Auto angewiesen waren. Die heutigen Protestierenden sind deutlich jünger. Viele kommen aus ärmeren Vierteln am Rand der Großstädte, in denen zahlreiche Jugendliche familiäre Einwanderungsgeschichten haben. Manche arbeiten als Essens- oder Paketkuriere auf dem Motorrad; höhere Benzinpreise schmälern unmittelbar ihr Einkommen. Forschende sehen darin eine Überlagerung von Armut und Diskriminierung aufgrund der Herkunft.

Frankreichs Schülerproteste haben zudem eine politische Vorgeschichte. 1986 wurde nach Protesten eine Hochschulreform zurückgezogen. 1990 folgte ein Notprogramm für Gymnasien im Umfang von 4,5 Milliarden Franc. 1994 wurde ein Arbeitsvertrag gestrichen, der niedrigere Löhne für junge Menschen vorgesehen hatte. Die heutige Generation kennt diese Beispiele und organisiert sich eher über eigene Koordinierungsgruppen als über Gewerkschaften.

Die Wahl rückt in den Mittelpunkt

Frankreich wählt am 18. April und 2. Mai 2027 einen neuen Präsidenten. Die Wut auf der Straße ist bereits zu einem zentralen Wahlkampfthema geworden. Auf der Linken unterstützen Mélenchon und LFI die Jugendlichen besonders deutlich. Der Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko, stellte sich an Schultoren an die Seite der Schüler. Mélenchon rief Parteimitglieder dazu auf, sich zwischen Polizei und Jugendliche zu stellen. Der Sozialdemokrat Raphaël Glucksmann gewann am 11. Oktober mit rund zwei Dritteln der Stimmen eine Vorwahl und wurde Kandidat seines Lagers. Boris Vallaud, Vorsitzender der sozialistischen Parlamentsfraktion, kündigte einen Gesetzentwurf an, der verletzungsträchtige Waffen bei Demonstrationen mit Minderjährigen verbieten soll. Die Linke will offenbar vermeiden, erneut zu spät auf eine Protestbewegung zu reagieren.

Für Rechte und Mitte steht dagegen die öffentliche Ordnung im Vordergrund. Bruno Retailleau, Kandidat von Les Républicains, wirft LFI vor, Gewalt anzuheizen, und brachte sogar ein Verbot der Partei ins Gespräch. Die früheren Premierminister Gabriel Attal und Édouard Philippe betonen ebenfalls die Autorität des Staates. Von Marine Le Pen und Éric Zemmour ist zu erwarten, dass sie die Ereignisse vor allem unter den Gesichtspunkten Sicherheit und Einwanderung deuten. Bei Wählern, die sich nach Ordnung sehnen, könnte das verfangen.

Le Pen hofft zudem, dass eine für Juli erwartete Berufungsentscheidung die Dauer ihres Verbots, für ein Wahlamt zu kandidieren, verkürzt und ihr eine erneute Kandidatur ermöglicht. Das Revisionsverfahren vor dem Kassationsgericht ist allerdings noch nicht abgeschlossen.

Vier mögliche Wahlszenarien

Am häufigsten wird über eine Stichwahl zwischen Le Pen und einem Kandidaten der Mitte gesprochen, etwa Philippe oder Attal. Dann müsste sich zeigen, ob die „republikanische Front“, mit der Wähler in Frankreich bisher Kandidaten der extremen Rechten verhinderten, noch einmal trägt. Erreichen stattdessen Mélenchon oder Glucksmann gegen Le Pen die zweite Runde, könnte es zu einer besonders scharfen politischen Konfrontation kommen.

Auch die Wahlbeteiligung der Jungen ist offen: Wer heute auf der Straße protestiert, muss im Frühjahr nicht zwangsläufig wählen. Bleiben politisch enttäuschte Jugendliche zu Hause, verändern sich die Aussichten aller Lager. Hinzu kommt die große Zahl möglicher Bewerber auf der Rechten und in der linken Mitte. Teilen sie die Stimmen unter sich auf, könnte ein unerwarteter Kandidat die Stichwahl erreichen.

Eine Stichwahl zwischen Le Pen und Mélenchon möchten nach einer Umfrage 65 Prozent der Wähler vermeiden. Ein linker Wähler bezeichnete ein solches Szenario gegenüber dem Meinungsforschungsinstitut IFOP als „politische Katastrophe vom Juni 1940“. Gemeint ist Frankreichs militärischer Zusammenbruch gegen Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg, gefolgt von der Besetzung von Paris und dem Waffenstillstandsgesuch der französischen Regierung – eine der tiefsten militärischen und politischen Zäsuren des Landes.

Die Angst vor einer solchen Stichwahl könnte viele dazu bewegen, schon im ersten Wahlgang nicht für ihren Wunschkandidaten zu stimmen, sondern für jemanden, der dieses Duell verhindern kann. In Frankreich heißt das „vote utile“, die taktische Stimme. Le Pen liegt derzeit in Umfragen bei 33 bis 35 Prozent und damit 15 bis 18 Punkte vor Mélenchon, ihrem nächstplatzierten Konkurrenten. In Umfragen für eine direkte Stichwahl zwischen beiden liegt Le Pen vorn.

Ich schreibe diese Zeilen am 19. Oktober 2026. Mein Eindruck ist: Was mit dem Protest einer Generation gegen fehlende Tische und Lehrkräfte begann, hat sich in Wut über hohe Lebenshaltungskosten und den Staat verwandelt. Der Staat reagierte darauf häufig mit Polizeigewalt und Festnahmen. Die Wahl im Frühjahr wird nicht nur entscheiden, wer künftig im Élysée-Palast sitzt. Sie wird auch zeigen, ob diese Generation und der Staat wieder miteinander ins Gespräch kommen.

Prof. Dr. Mehmet Ömür, Odatv. Fotos: Tansu Sarıtaylı.

Andreas Günes

Redaktion, Türkische Allgemeine

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