Die schmucke Altstadt mit mittelalterlicher Festung wäre schon allein einen Besuch wert. Dazu kommen bis Jahresende viele Ausstellungen als Programm, das für die Freiheit der Kunst wirbt.
Von Otmar Lahodynsky, Trenčín, 31.03.2026, Türkische Allgemeine
Nur zwei Auto- oder Bahnstunden von Wien entfernt bleibt die westslowakische Stadt Trenčín für viele ein Geheimtipp. Doch bis Jahresende ist die schmucke, am Fluss Váh (deutsch: Waag) gelegene Gemeinde mit 54.000 Einwohnern auch Europäische Kulturhauptstadt — gemeinsam mit dem finnischen Oulu. Mitte Februar fand ein Wochenende lang die Eröffnung statt. Und bis knapp vor der offiziellen Feier auf der mittelalterlichen Festung, die sich auf einem Felsen über der Altstadt erstreckt, war nicht sicher, ob auch Mitglieder der rechtsnationalen Regierung daran teilnehmen würden. Kulturministerin Martina Šimkovičová von der rechtsextremen SNS-Partei, die einen Feldzug gegen liberale Kulturschaffende führt und auch das Staatsfernsehen auf Regierungskurs brachte, blieb der Einladung fern. Dabei hätte ihr das Begleitprogramm mit Folkloretänzen und Kinderchören sicher gefallen.

Worte gegen die Macht
Aber nicht die Reden. So erklärte der Bürgermeister der 54.000 Einwohner zählenden Stadt, Richard Rybniček, in Anspielung auf die amtierende, autoritär eingestellte Regierung der Slowakei: „Wir Slowaken werden niemals zulassen, dass uns das Recht, in Freiheit, Demokratie und Würde zu leben, jemals wieder weggenommen wird.“ Und unter großem Beifall ergänzte der seit 16 Jahren regierende, parteilose Stadtvorsteher: „Trenčín wird als Europäische Kulturhauptstadt seine Position als offene, freie, tolerante und moderne Stadt festigen.“ Rybniček erinnerte dabei an seine Jugend im kommunistischen System hinter dem Eisernen Vorhang. Schon damals öffneten Künstler ein Fenster zur Freiheit.
Der prominenteste anwesende Politiker, der Sprecher des slowakischen Nationalrats, Richard Raši — der als Bürgermeister von Košice 2013 die erste Kulturhauptstadt der Slowakei leitete — hob die Chance hervor, den Reichtum der slowakischen Kultur europa- und weltweit zu zeigen. Die Kosten dafür seien kein bloßer Ausgabeposten, „sondern eine Investition in unsere Zukunft“.

25 Millionen Euro für Kultur und Erneuerung
Das Budget für die Kulturhauptstadt beträgt 25 Millionen Euro, dazu kommen EU-Mittel für die Infrastruktur der Stadt. So wurden Teile der Altstadt samt Burg erneuert. Auch die Renovierung der prächtigen, 1913 eingeweihten Synagoge im Jugendstil, die in der NS-Zeit zum Teil zerstört wurde, wird fortgesetzt — auch mit Mitteln aus Norwegen und Liechtenstein.
Die alte Eisenbahnbrücke wird erst im Herbst eine neue Funktion erhalten: Sie soll eine Begegnungsstätte für Bewohner und Besucher werden — mit Cafés, Kulturateliers und kleinen Läden für regionale Produkte. Gemäß dem Festival-Motto „Erwecken der Neugier“ steht das Voneinander-Lernen durch Dialog im Mittelpunkt des Kulturhauptstadt-Jahres.

Internationale Kunst trifft slowakisches Erbe
„Wir wollen in diesem Jahr einen neuen Blick auf diese alte Stadt ermöglichen, auch wie Künstler uns sehen“, erklärt Martin Mojžiš vom Leitungsteam der Kulturhauptstadt im Gespräch mit der „Türkischen Allgemeinen“. Man habe bewusst auf internationale Stars verzichtet, aber neben slowakischen Künstlern auch Kulturschaffende aus anderen Ländern eingeladen. So werden derzeit Künstler aus Japan, der Türkei, Spanien und Portugal in Ausstellungen präsentiert. Der junge Künstler Diren Demir aus Istanbul ist derzeit mit einem Projekt „Walk in the Rain“ aus dem Bereich Street-Art zu sehen.
Das historische Erbe der Stadt mit der imposanten Burganlage, dem Hauptquartier der Infanterie und der ehemaligen Textilindustrie werde in vielen Projekten nachgezeichnet werden, so Mojžiš — stets unter Einbeziehung lokaler Initiativen. Ein Modeatelier mit nachhaltiger Ausrichtung wurde bei der Synagoge eröffnet, in dem für Recycling geworben und gegen umweltbelastende Textilimporte Stellung bezogen wird.

Dialog der Weltreligionen
Einen Schwerpunkt bildet auch der Dialog der Weltreligionen. So beginnt im Frühling eine Reihe von Veranstaltungen der ökumenischen Bewegung, die wöchentlich abwechselnd in katholischen, protestantischen und orthodoxen Kirchen stattfinden sollen. Auch das Judentum und der Islam werden einbezogen.

Laserharfe und Avantgarde — Kunst zum Anfassen
In der barocken, von Jesuiten geschaffenen Piaristenkirche in der Altstadt fand am Eröffnungswochenende nach dem bunten Open-Air-Programm auf dem Friedensplatz eine besondere Sonntagsmesse statt. Der Bischof der isländischen Hauptstadt Reykjavík, der aus der Slowakei stammende Dávid Tencer, hielt die Predigt, und das Kammerorchester mit der Opernsängerin Paulina Ovádková gestaltete das musikalische Programm. In der gotischen Marienkirche auf dem Weg zur Burg wurde eine Laserharfe installiert, auf der Besucher durch bloße Bewegung der Hände elektronische Klänge erzeugen können.
Die Werkschau des slowakischen Künstlers Stano Filko (1937–2015), des bedeutenden Avantgarde-Malers, in der Miloš-Alexander-Bazovský-Galerie zeigt auch fernöstliche Spiritualität. Filko hat auf großflächigen Gemälden, die ein wenig an Hermann Nitsch und Arnulf Rainer erinnern, seinen eigenen Kosmos geschaffen und jeder Farbe Chakren zugewiesen.

Kasten: Trenčín und seine Umgebung
Trenčín lädt Besucher mit vielen Programmpunkten bis Ende des Jahres ein. Auch benachbarte Dörfer sind sehenswert: So der nahe Kurort Trenčianske Teplice, der k&k-Flair verströmt und neben Schwefelquellen ein Hamam aus dem Jahr 1888 bietet — dazu noch die beliebten Oblaten. Und im Dorf Uhrovec wohnten gleich zwei berühmte Slowaken — im 19. und 20. Jahrhundert — sogar im selben Haus: der Politiker und Kodifizierer der slowakischen Schriftsprache, Ľudovít Štúr, und der ehemalige KP-Chef der ČSSR und Begründer des Prager Frühlings, Alexander Dubček. ( Von Otmar Lahodynsky, Trenčín, 31.03.2026, Türkische Allgemeine)
Infos und Programm: www.trencin2026.eu






