Ist die Israel-Politik Erdogans nach 7.11. innen- und weltpolitisch ein Brückenbauer oder ein Brückensturz für die Türkei?

These:  Israel-Politik Erdogans nach dem 7.11. nur ein Vorwand, um in der Türkei die säkulare demokratische Verfassung und das Oberste Verfassungsgericht auszuhebeln?

von Birol Kilic, Analyse aus Wien , 2.11.2023

Wir brauchen einen demokratischen und rechtsstaatlichen Staat Israel und die Türkei.

Wir brauchen einen demokratischen und rechtsstaatlichen Staat Israel und die Türkei. Für sich und ihre BürgerInnen und für die Nachbarländer und die Region.

Wir wollen Frieden in Israil und in Gazza haben

Israel hat sich leider selbst in eine große Falle manövriert, und zwar durch die gegenwärtige israelische Regierung, die sich selbst als “Opfer des Terrors der Hamas, den man auf das Schärfste verurteilen muss” bezeichnet. In diesem Krieg gibt es keine Gewinner, außer Mord und Tote, die später noch größere Probleme verursachen werden.

Das darf nicht sein. In Gaza spielt sich eine menschliche Katastrophe ab, die sofort gestoppt werden muss. Oder es gibt andere Pläne, die wir Sterblichen nicht verstehen. Die Augen zu verschließen, durch diesen Krieg zu gehen, birgt jeden Tag die Brücken, die später mühsam und de facto immer unmöglicher werden. Wir wollen Frieden. Frieden in Israel ( Für Juden und Araber, Für Israil). Frieden in Gaza. Frieden in dieser Region. Unter diesem Aspekt sollten alle Analysen und Beobachtungen aus Wien-Istanbul verstanden werden.

Wir müssen warnen!

Wir müssen warnen! Es ist heute sehr leicht, Israel zu kritisieren, aber die Türkei ist heute der letzte Staat der Welt, der seine sensible und schwierige Brückenfunktion im Nahen Osten aufgeben sollte. Gerade hier hätte Erdogan als Brückenbauer eine sehr wichtige Rolle spielen können, die leider verspielt wurde. Die Erdogan AKP-Regierung in Ankara bringt mit ihrer falschen Israel-Politik der Türkei nichts! Man mag sogar mit einigen oder vielen Kritikpunkten Recht haben. Aber es bringt nichts!

Der UN-Berichterstatter Balakrishnan Rajagopal wiederum sagte an die Adresse Israels: “Es ist ein Kriegsverbrechen, eine Militäroperation durchzuführen, von der bekannt ist, dass sie systematisch zivile Häuser und Infrastruktur zerstört und den Gazastreifen unbewohnbar macht”. Balakrishnan Rajagopal ist ein US-amerikanischer Jurist und Menschenrechtsexperte. Er ist seit 2020 UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf angemessenes Wohnen.

Wir müssen hier Israel warnen und helfen, aus seiner Opfersituation heraus einen so jetzigen bedauerlichen und  falschen Handel zu betreiben, wo es auch de facto schwierig ist, Brücken zu bauen.

Sie waren überall, aber nicht in der Türkei.

Außenminister Blinken war am 7.11.2023 zum ersten Mal in Ankara und es wird vermutet, dass neben dem Iran auch dies ein Thema war. Obwohl die Türkei hier eine wichtige Rolle spielen könnte, war der US-Präsident nicht in der Türkei, sondern in Israel und den Nachbarländern. Auch der US-Außenminister war seit Wochen überall im Nahen Osten, aber bis gestern nicht in der Türkei. Im Gegenteil, die Türkei beschwert sich, dass das NATO-Land USA türkische Flugzeuge in Syrien abschießt. Die Türkei sieht nach Aussagen von Erodgan und allen anderen Regierungsmitgliedern die USA als eine Gefahr für die Friedensordnung in der Region und insbesondere die Türkei noch mehr zu destabilisieren und zu zerstören. Das sind die Fakten, die wir seit langem live in den türkischen Medien durch Aussagen in türkischer Sprache hören. Umgekehrt hat der AKP-Vorsitzende und Präsident Erdogan seine Funktion als Moderator und Brückenbauer aufgegeben und sich auf die Seite der Hamas gestellt. Das sind keine guten Zeichen, weder für die Türkei noch für Israel.

“Am Ende will man die Gazze entleeren und die Araber aus Gazze will man angeblich in die Türkei bringen, weil die anderen arabischen Staaten wie Qatar, Saudi Arabien, Ägypten, UAE, Bahrain die Araber aus Gazze nicht aufnehmen wollen. Eine ziemlich unmenschliche Situation und die Türkei darf  nicht so in ein Feuer geworfen werden.” Das ist es, was wir von türkischen Diplomaten und PolitikerInnen in Ankara hören und lesen. Außenminister Blinken war am 7.11.2023 zum ersten mal  in Ankara und man vermutet, dass dies das Thema war. Blinken diskutierte die Position der Türkei in möglichen Konflikten im Nahen Osten. Zum Beispiel der iranisch-amerikanische Konflikt und die Nutzung türkischer NATO-Stützpunkte. Das Problem reiche bis nach Syrien. Das Problem werde nicht in Gazze bleiben.

Die Türkei und der Weg Atatürks

Der Brückenschlag über die Türkei sollte nicht nur aus geographischen und historischen Interessen erfolgen, sondern auch aufgrund der richtigen Politik des Gründers der Republik Türkei, Atatürk, der als Staatsräson der türkischen Republik “Frieden in der Heimat und Frieden in der Welt” definiert hat.

Die Türkei sollte ihre Brückenfunktion aufgrund ihrer eigenen strategischen Verantwortung gegenüber ihren BürgerInnen der Republik Türkei sehr ernst nehmen und diese nicht aus innenpolitischen Wahlkampfgründen bzw. Ihvanpolitik etc. vernachlässigen. Die Mehrheit der türkischen BürgerInnen will wieder auf diesen Weg zurückkehren: “Frieden in der Heimat und Frieden in der Welt”. Die Brücken dürfen nicht abgerissen werden, sie müssen stehen bleiben. Brücken sind leicht einzureißen, aber schwer wieder aufzubauen.

Türkische Regierungen können Brückenbauer zu den Nachbarländern sein, aber niemals Brandstifter im Ausland, um innenpolitisch Stimmung zu machen, Opposition zu unterdrücken, zu verhaften, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu zerstören und Wahlen zu gewinnen. Unabhängig davon, mit wem man sich verbunden fühlt, wer als Feind wahrgenommen wird oder welche Motive auch immer vorliegen mögen, darf die innenpolitische Stabilität und das Wohl der eigenen türkischen Bevölkerung nicht aufs Spiel gesetzt werden, sondern muss in der Türkei Vorrang haben.

Eine stabile Türkei ist für die EU von großer Bedeutung. Eine instabile Türkei, in der reaktionäre Kräfte das Sagen haben, wird zum Sumpf. Ein Nachbarsumpf für den Balkan und für die EU und Israel mit 90 Millionen Menschen. Alle werden in diesen Sumpf hineingezogen, ohne Zweifel. Deshalb sollte hier niemand Interesse oder Schadenfreude zeigen, wenn die AKP-Regierung hier einen Fehler nach dem anderen macht. Die Zahl der türkischen Flüchtlinge in der EU und in Amerika steigt rasant. Nicht ohne Grund. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Menschenrechte werden in der Türkei von der AKP-Regierung mit Füßen getreten. Wir verlieren die Türkei unter vielen Vorwänden. Israel ist nur einer davon.

Die europäische und österreichische Gesetzgebung
zu terroristischen Vereinigungen: § 278 b und § 282 a

Die Türkei mit ihrer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung wurde von Atatürk und seinen Freunden mit einer halbwegs laizistischen Grundordnung gegründet.

Leider bewegt sich die derzeitige türkische Regierung entgegen dieser Wünsche in eine falsche Richtung. Wie wichtig der Laizismus bzw. die Säkularität für eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung ist, für die wir uns in Österreich seit Jahren einsetzen, sehen wir heute.

Leider ist die AKP-Regierung nach ihren letzten unglücklichen Äußerungen gegen Israel und die Hamas nicht mehr in der Lage, zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas zu vermitteln. Es ist einfach nicht vertretbar, die eine Terrororganisation als böse und die andere Terrororganisation als „Freiheitskämpfer“ zu bezeichnen, wie man es in der EU gegenüber der Terrororganisation PKK tut. Die EU hat die Hamas und die PKK als Organisationen eingestuft.

Wir müssen hier nicht deine Terrororganisation ist für mich Freiheitskämpfer behandeln und unterstützen. Das gilt für Israel, die USA, die EU, aber auch für die Türkei.

Das österreichische Strafgesetzbuch ist sehr deutlich: § 278 b und § 282 a

STGB § 278 b: “Wer eine terroristische Vereinigung (Abs. 3) anführt, ist mit Freiheitsstrafe von fünf bis zu fünfzehn Jahren zu bestrafen. Wer eine terroristische Vereinigung anführt, die sich auf die Androhung terroristischer Straftaten (§ 278c Abs. 1) oder die Finanzierung des Terrorismus (§ 278d) beschränkt, ist mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren zu bestrafen.”

STGB § 282 a: “Wer in einem Druckwerk, im Rundfunk oder in einem anderen Medium oder sonst öffentlich in einer Weise, dass es vielen Menschen zugänglich ist, zur Begehung einer terroristischen Straftat (§ 278c Abs. 1 Z 1 bis 9 oder 10) auffordert, ist, wenn er nicht als Teilnehmer (§ 12) mit strengerer Strafe bedroht ist, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren zu bestrafen.”

Die AKP-Regierung muss sich unverzüglich von der Terrororganisation Hamas distanzieren und alle Hamas-Terroristen aus der Türkei ausweisen.  Um ihre eigene Integrität, ihre Werte und ihre Zukunft zu schützen, darf die Türkei dem Terrorismus keinen Raum geben. Erdogans falsche Israel-Politik bringt der modernen Atatürk-Türkei mit der Staatsräson Innen- und Außenpolitik, “Frieden zu Hause und Frieden in der Welt” ausser schaden nichts.

 

Man darf, ja man muss Israel scharf kritisieren, aber ohne das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen, ohne Israel als Staat zu delegitimieren und ohne mit zweierlei Maß zu messen. Die Hamas stellt alles in Frage und hier stellt sich die Frage, wie man sich auf die Seite der Hamas stellen kann, wenn die EU und die USA die Hamas als Terrororganisation eingestuft haben und für Israel der Staat Nr. 1 ist. Wir sollten alles nüchtern betrachten.

Die Türkei kann und darf nicht länger zum Selbstbedienungsladen für die Politik von  Ihvan und Hamas im In- und Ausland werden, die der DNA des Gründers Atatürk, der Philosophe der modernen türkischen Republik, diametral entgegensteht. Die Türkei muss zu einer säkularen, freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung zurückkehren und die Probleme der Nachbarländer in die Türkei importieren, um Wahlen zu gewinnen und die WählerInnen mit den illegalen Flüchtlingen im Land zu versöhnen und auf die Straße zu bringen. Auch hier ist das Ziel bekannt: Der Laizismus und Säkularismus in der Türkei soll mit dieser Abstimmung komplett zu Fall gebracht werden und im Parlament mit den Stimmen und gekauften Abgeordneten aus der Verfassung gestrichen werden. Damit ist weder Israel noch den USA noch der EU gedient. Ganz im Gegenteil. Wir warnen!

Der Westen hat reaktionäre Kräfte in muslimischen
Weltkrieg die reaktionären Kräfte in den muslimischen Ländern
unterstützt, ab 1980 mit zunehmender Tendenz.

Sehr viele westliche Länder, vor allem die USA und die EU-Regierungen, haben Erdogan geholfen über 20 Jahre an der Macht zu bleiben. Es ist besser, mit einem Mann wie Erdogan in einer Ein-Mann-Regierung zu reden, als in einer freien, säkularen, demokratischen, rechtsstaatlichen türkischen Republik mit Gewaltenteilung.

Und nicht nur das. Die EU, insbesondere Deutschland, Österreich, England, Holland, Frankreich und Belgien, hat mit Hilfe der USA mehr als 70 Jahre ihre Länder als Hinterland für den politischen Islam, sprich IHVAN (Muslim Bruder), und seine Vertreter aus der Türkei und anderen Ländern zur Verfügung gestellt oder sogar unterstützt. Bevor die AKP Erdogan 2002 an die Macht kam.

Ein Beispiel: England konnte die am 29.10.1923 von Atatürk gegründete säkulare Türkei nie akzeptieren und hat alle fundamentalistischen reaktionären Kräfte in der Türkei, im Nahen Osten und in Ägypten sogar direkt wie Saudi Arabien als Staat und indirekt wie Ihvan in Ägypten bei der Gründung gegen erst Osmanen dann gegen die in Gründung befindliche moderne säkulare Türkei unterstützt.

Auch die Terrororganisation HAMAS, eine Ihavn-Vertretung, die durch die Unterdrückung der Palästinenser in Gaza ab 1987 entstand, wurde von westlichen Ländern gegen die säkularen Araber gegründet.

Zuerst wollte man die Terroristen vernichten, aber die patriotischen Araber waren säkular. Der politische Islam hingegen war ein Mittel gegen die säkularen Araber, die modern waren. Jetzt sehen wir, was die westlichen Länder unterstützt haben und was daraus geworden ist.

Das Gleiche haben sie in der Türkei gegen die laizistische Staatsräson Atatürks gemacht, wo die BürgerInnen modern und zivilisierte türkische Muslime waren, die mehr Rechtsstaatlichkeit und Demokratie wollten, wo sie eine repräsentative Demokratie mit einem Parlament hatten. Das System in der Türkei war bis 2002, Erdogan AKP kam halb blind, halb taub, aber es gab Hoffnung, dass es eine echte Demokratie werden würde. Demokratie fällt nicht vom Himmel. Es ist ein Prozess, der seit 1850 in der osmanischen Zeit begonnen hat.

Der Österreicher Clemens Holzmeister war sogar der Architekt des neuen türkischen Parlaments in Ankara mit mehreren Parlamentsgebäuden und Ministerien von A bis Z. Bitte schön. Das waren die 1920er Jahre… Aber diese moderne Türkei war England, Frankreich, später den Amerikanern und anderen westlichen Ländern ein Dorn im Auge… Sie wollen einen Mann oder besser einen Diktator als Gesprächspartner in diesen Ländern.

So selbstbewusste türkische BürgerInnen aus der modernen säkularen Türkei will man nicht haben… Die Türkei war ab 1919 Vorbild für Iran, Irak, Syrien, Algerien, Afghanistan, sogar Saudi-Arabien… Schauen Sie sich die Bilder der 1930er bis 1980er Jahre aus diesen Ländern an… Die zivilisierten Frauen und Männer aus diesen muslimischen oder mehrheitlich muslimischen Ländern haben alle die Gründung der modernen Türkei am 29.10.1923 durch Atatürk miterlebt und sich zum Vorbild genommen.

Atatürk brach den für die Türkei noch schlimmeren “St. German (Österreich), Versai (Deutschland), Trion (Ungarn)”. Freundschaftsvertrag von Sevr und begann am 19.19.1919 in Samsun den Befreiungskrieg.

Er beendete den Befreiungskrieg im September 1922 in Izmir und proklamierte am 29.10.1923 die Gründung der modernen laizistischen Republik.

Die Besiegten, vor allem die Engländer und Franzosen, die die Türkei unter sich aufteilten, und die Osmanen zusammen mit Russland, haben der modernen laizistischen Türkei nie verziehen. Seitdem haben sie die reaktionären Kräfte unter den Muslimen im Nahen Osten und in der Türkei unterstützt, die in der Türkei sogar wieder ein Kalifat nach osmanischem Vorbild errichten wollten.

Heute sind alle islamischen Länder, außer die unter dem Einfluss Russlands, von den westlichen Ländern fundamentalisiert, halbfunktionierende Länder unter dem Vorwand “Islam light” reaktionäre bis talibanisiert oder mollasiert worden. Die Türkei ist die letzte Stufe.

Und hier kommt das Massaker vom 7. Oktober 2023 durch die Terrororganisation Hamas und die falsche Politik Israels als gute Gelegenheit, die Türkei in einen total reaktionären Staat zu verwandeln und den Säkularismus und Laizismus unter der schwarzen Fahne zu zerstören… Die EU wird einen hohen Preis zahlen und Israel wird nicht davon profitieren. Deshalb muss der Frieden nach Israel zurückkehren, bevor es zu spät ist.

Von nun an vermittelt Katar, wo die Hamas de facto ihr Hauptquartier hat

Man weiß im Nahen Osten nie welche Hand in welcher Tasche steckt, sagt man in Ankara und deshalb sollte man die Finger vom Nahen Osten lassen. Die Türken wissen wovon Sie sprechen, weil sie über 500 Jahre im Nahen Osten regiert haben und am Ende durch Englands teuflische Spiele gegenüber den Osmanen, dem damaligen preußischen Deutschland und der österreichisch-Ungarischen Monarchie, nicht nur in Europa, sondern auch unter den arabischen Stämmen sehr viel Unglück verursacht haben. Auch Österreich, Deutschland und Ungarn haben im Nahen Osten gegenüber den Osmanen im Ersten Weltkrieg sehr falsch gehandelt. Darüber haben wir als Herausgeber ein Buch namens “Rot Weiß Rot” mit einem Fachmann herausgegeben, der aus der österreichischen und türkischen Nationalbibliothek die alten Zeitungen mit Quellen studiert und veröffentlicht hat.

Natürlich muss man jetzt auch die ziemlich rechte und  reaktionäre  israelische Regierung scharf kritisieren, die eigentlich auch bei diesen unmöglichen Ereignissen leider aus innenpolitischen Gründen den Staat Israel und seine BürgerInnen in Gefahr gebracht hat. Wir sind nicht blind…

 

Nachzulesen ist das alles in Foreign Affairs vom 31.10.2023 unter dem Titel “Warum Netanyahu gehen muss”.

“Viele israelische Kritiker haben auf den Widerspruch zwischen Netanyahus bahnbrechender Rede an der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv im Juni 2009, in der er sich für eine Zweistaatenlösung aussprach, und seinem anschließenden Handeln hingewiesen, das den Eindruck verstärkte, Israel sei kein legitimer palästinensischer Verhandlungspartner, und die Annexion des Westjordanlandes durch israelische Siedler unterstützte. Netanyahu erlaubte Katar, die Hamas zu finanzieren, und ließ mehr als tausend Hamas-Gefangene im Austausch gegen den gefangenen israelischen Soldaten Gilad Shalit frei. In den letzten 12 Jahren hat Netanyahu die Bemühungen von Organisationen wie der Weltbank zum Wiederaufbau des Gazastreifens blockiert, weil diese Bemühungen die Beteiligung der Palästinensischen Autonomiebehörde erforderten. “

Die Autoren sind prominente Israelis wie Ami Ayalon, Gilead Sher und Orni Petruschka. Und nicht nur das. Die drei schreiben, Netanyahu habe regelmäßig Gesandte aus Katar mit Koffern voller Bargeld in Millionenhöhe in den Gazastreifen einreisen lassen. Im Gegenzug stellte er sich vor, den Gazastreifen auf einem “niedrigen Fieberniveau” zu halten, das zwar vor Wut kochte, aber nie zu einer ausgewachsenen humanitären Krise führte; er ließ die Hamas überleben und schaute weg, als sie sich weiter bewaffnete. Und er versuchte, ein Friedensabkommen mit Saudi-Arabien zu schließen, bei dem die Palästinenser außen vor blieben.

Dieser Plan zielte darauf ab, die rechtsextreme Annexionskoalition zu erhalten, die ihn Ende 2022 wieder an die Macht brachte. Außerdem konnte er so die Justiz einschüchtern und eine Verurteilung in seinem langwierigen Korruptionsprozess vermeiden. Netanyahus rechte Koalition konzentriert sich auf den Ausbau der jüdischen Siedlungen im Westjordanland und die Zerstörung der Möglichkeit einer Zweistaatenlösung. In den letzten Jahren haben jüdische Siedler die Palästinenser im Westjordanland zunehmend belästigt, eingeschüchtert und terrorisiert. Die Regierung Netanjahu hat diese Taten praktisch ignoriert und zugelassen, sodass sie zur Normalität wurden.

Israel ist seiner eigenen Regierung in Tel Aviv auf den Leim gegangen und hat viel zu verlieren. Juden oder Israelis sind keine Feinde der Muslime. Umgekehrt sind die Moslems keine Feinde der Juden. Im Gegenteil. In der Geschichte gibt es zwischen Juden und Muslimen mehr Positives als Negatives zu berichten.

Erdogans Äußerungen zur Hamas sind angesichts der Terrororganisation PKK und anderer Terrororganisationen in der Türkei sehr bedauerlich und unglücklich gewählte Worte gegenüber der modernen Türkei, die de facto 1948 als erstes Land der Welt Israel anerkannt hat.  Diese Äußerungen Erdogans gegenüber Israel und der Hamas werden auch nicht von der Mehrheit der türkischen Bürger in der Türkei geteilt, die “Frieden in der Heimat und Frieden in der Welt”) , die Außenpolitik Atatürks, fortgesetzt sehen wollen.

In der Türkei gibt es keinen sensiblen Umgang mit Israel. Die die AKP-Regierung in Ankara, die leider unter dem Vorwand der Israelkritik mit einer Satanisierung des Israel Antisemitismus betreibt, ist der türkischen Kultur des vielfältigen Lebens aus osmanischer Zeit fremd und hat auch in der modernen Türkei, die jetzt 100 Jahre alt geworden ist, nichts zu suchen. Türken und Juden sind Freunde, Israel und die Türkei sollten keine unverantwortliche Politik gegenüber ihren Feinden betreiben. Das gilt für die Regierung in Tel Aviv, aber auch für die Regierung in Ankara. Die Türkei und Israel müssen zu einer Politik der Vernunft zurückkehren. Außenpolitik braucht Beweglichkeit.

Seitdem die Gaza-Frage zur Innenpolitik der AKP-Regierung in Ankara geworden ist, ist die Regierung zur Geisel der öffentlichen Meinung in der Türkei geworden, die sie in den letzten Tagen geschaffen und geschürt hat.

Leider hat sich die Regierung selbst die Hände gebunden, indem sie diese Frage zu einer innenpolitischen Angelegenheit gemacht hat, d.h. indem sie versucht, sie für die Kommunalwahlen 2024 zu nutzen. Die Außenpolitik darf nicht für die Innenpolitik missbraucht werden, um Wahlen zu gewinnen. Man darf nicht die Probleme aus dem Nahen Osten, mit einen Parteinamen, wegen politisierter Religion in die Türkei importieren, um so die säkulare türkische Republik zu spalten und die Einheimischen dann mit einer reaktionären, undemokratischen Regierung unter Druck zu setzen und damit den Frieden im Inland vorsätzlich zerstören. Man muss Israel und die Hamas nicht mögen, man muss aber sein Land, als Patriot, von allen Problemen im Inland, sowie im Ausland, mit einer souveränen und vernünftigen Politik schützen. Gerade wird das Gegenteil in der Türkei vollzogen,  wo Millionen von Menschen die Meinung der Ankara-Regierung nicht mit sich tragen, und sich dementsprechend nicht repräsentiert fühlen. Die Kritiker, ihre Meinungsverschiedenheiten und die Pressefreiheit werden in der Türkei gerade durch eine oppressive Regierung unterdrückt.

Vernünftige Menschen sollten das Sagen haben. Der israelische Staatspräsident Ishak Herzog ist ein solcher Mensch. Sein Besuch in der Türkei mit vielen Gästen hat in der Türkei und bei den Auslandstürken und Türkinnen hohen Respekt und Vertrauen erweckt. Wir wünschen dem israelischen Präsidenten viel Kraft und Erfolg.

Wir wünschen Präsident Erdogan viel Kraft und Gesundheit, um die Türkei wieder aus dieser unglücklichen Position herauszuführen und wieder Brückenbauer zu sein.

Die Türkei sollte im 100. Jahr der Republik von der politischen Glaubenspolitik Ihvan Hamas zur Politik des Gründers der modernen Türkei Atatürk zurückkehren. Die Türken wollen Frieden! Frieden in Israel. Frieden in Gaza. Frieden in der Türkei und Frieden in der Welt.

Die Europäer sollten aufhören die moderne, säkulare Republik Türkei zu unterschätzen, die Atatürk seinerzeit unter schwierigsten Bedingungen geschaffen hat. Denn sie braucht Europa und vor allem Österreich und Deutschland heute mehr denn je. Und hier spielen wir, die wir die Religion Islam nicht verachten, sondern den Staat als Beschützer aller Religionen zur Verfügung stellen, ohne eine Extrawurst für eine Religion sehen zu wollen, das kann nur funktionieren. Der Staat muss blind gegenüber allen Religionen sein und alle Religionen dürfen nicht vergessen werden. Allen voran steht die säkulare österreichische Verfassung. Die Säkularität schützt alle Regionen vor dominierenden politisierten anderen  Religionen. Türkei bzw. altes Europa vor Religionskriegen und Aufklärung. Und die AKP Regierung in Ankara will mit Israel Konflikt eigentlich die in der Türkei letzte Begräbnis Zeremonie gegen die Laizistische Türkische Republik durchführen. Die modernen demokratischen und säkularen türkischen BürgerInnen sollten nicht allein gelassen werden. In der Türkei und in Österreich bzw. in der EU.

Die Türken und Türkinnen, und die Türkei selbst, sind weder der Feind des Staates Israel, noch der ein Feind der Juden. In dunklen Zeiten, kontrolliert durch Hass und Spalterei, ist es von äußerster Wichtigkeit als Mensch seine Empathie nicht zu verlieren, sich nicht zum Opfer einer Propaganda machen zu lassen, die bezweckt, anderen Menschen ihre Rechte und ihren Frieden zu rauben. Wir müssen mehr für den Frieden tun und dürfen die Hoffnung und die Träume auf bessere Zeiten nicht aufgeben. Vor allem die Träume, durch die die moderne Türkei überhaupt erst geboren wurde.

Wir haben sogar einen Essay über die Geschichte der türkisch-jüdischen Freundschaft. Kurz und prägnant geschrieben mit dem Titel “Einspruch gegen Fake History”. Das Essaybuch wendet sich als Einspruch mit positivem Ansatz besonders an politisch interessierte LeserInnen in Österreich.

Es ist keine Propaganda, weder für eine bestimmte Ideologie noch für eine Religion. Das Buch versteht sich als Anregung für ein friedlicheres Zusammenleben in Österreich und in Europa.

Es ist ein Einspruch gegen den Missbrauch von Religionen im Allgemeinen, gleich welcher Religion. Es will Perspektiven eröffnen und mit starken Beispielen aufklären gegen Fake News und Fake History, gegen die Vernebelung und Verdunkelung von Informationen und Erzählungen. Es ruft uns alle auf, dies in Wort und Tat umzusetzen.

Hier das Essay-Buch “Einspruch gegen Fake History” als PDF:

( Wien, Birol Kilic, Analyse aus Wien, 2.11.2023)

 

 

 

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Links:

https://www.tuerkische-allgemeine.de/2023/11/01/foreign-affairs-ayalon-sher-petruschka-warum-netanyahu-gehen-muss/

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