Wussten Sie, dass sich im Jahr 1926 ein bedeutendes Ereignis zwischen Ungarn und der Türkei zutrug – ein Moment, den wir am 29. August 2025 als historisches Dokument neu beleuchten wollen? Vierhundert Jahre nach der Schlacht von Mohács wurde nicht nur der Verlust eines Königs betrauert, sondern auch eine neue Brücke zwischen zwei alten Völkern geschlagen. Die Teilnahme der Türkei an der Gedenkfeier von 1926 verlieh dem Ereignis eine unerwartete diplomatische Tiefe – ein Zeichen dafür, dass Geschichte nicht nur trennt, sondern auch verbinden kann.
Von Birol Kilic, Analysen und Beobachtungen aus Wien, den 29.08.2025
BUDAPEST. Am 29. August 1926, exakt vier Jahrhunderte nach der folgenschweren Schlacht von Mohács, versammelten sich in Ungarn zahlreiche Würdenträger und Bürger zu einer eindrucksvollen Gedenkveranstaltung. Diese Zeremonie war weit mehr als ein historisches Ritual – sie markierte einen bedeutenden Moment der diplomatischen Annäherung zwischen der Türkei und Ungarn im frühen 20. Jahrhundert.
Die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs und die territorialen Verluste durch den Vertrag von Trianon hatten Ungarn schwer getroffen. In diesem Kontext wurde die Gedenkfeier in Mohács zu einem Ausdruck kollektiver Selbstbesinnung und nationaler Würde. Besonders hervorzuheben ist die Anwesenheit des türkischen Botschafters Hüsrev Gerede, der – neben dem britischen Gesandten – als einziger ausländischer Diplomat offiziell eingeladen war und damit eine besondere symbolische Rolle einnahm.
Der damalige Reichsverweser Miklós Horthy hielt eine Rede, in der er die Türkei ausdrücklich würdigte. Er sagte: „Vor vierhundert Jahren kämpften wir gegen unsere Verwandten. Und heute, an diesem traurigen Tag, ist der Vertreter eines Bruderlandes hier, um unseren Schmerz zu teilen – während jene, die damals mit uns kämpften, heute gegen uns stehen.“
Die Rede enthielt nicht nur Worte des Gedenkens, sondern offenbarte eine tiefgreifende historische Neubewertung. Sie trug dazu bei, das Bild der Türkei nicht länger als einstigen Gegner, sondern als respektierten Partner und kulturell verwandtes Volk zu verankern.
Miklós Horthy, der zentrale Akteur der Gedenkfeier von 1926, war eine prägende Figur der ungarischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Geboren am 18. Juni 1868 in Kenderes (damals Österreich-Ungarn), diente er zunächst als Admiral in der k.u.k. Marine. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm er als Reichsverweser die faktische Staatsführung des Königreichs Ungarn und blieb von 1920 bis 1944 im Amt.
Sein offizieller Titel lautete vitéz nagybányai Horthy Miklós, und er galt als Symbol für nationale Stabilität in einer Zeit tiefgreifender politischer Umbrüche. Auch seine Teilnahme an der Gedenkfeier zum 400. Jahrestag der Schlacht von Mohács unterstrich seine Rolle als Vermittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart – und zwischen Ungarn und der Türkei.
Auf türkischer Seite wurde die Einladung mit besonderer diplomatischer Sensibilität behandelt. Die Regierung in Ankara instruierte Botschafter Hüsrev Gerede ausdrücklich, nur dann an der Veranstaltung teilzunehmen, wenn sichergestellt sei, dass keine Aussagen fallen würden, die die nationalen Empfindungen der Türkei verletzen könnten. Nachdem diese Bedingung erfüllt war, nahm Hüsrev Bey an der Gedenkfeier teil und wurde mit sichtbarer Wertschätzung empfangen
Diplomatisches Dokument aus dem Jahr 1926 – Osmanisch-Türkische Rede von Hüsrev Gerede in Mohács
Im Rahmen der Gedenkfeier zum 400. Jahrestag der Schlacht von Mohács hielt der türkische Botschafter Hüsrev Gerede eine bemerkenswerte Rede, deren Originaltext in osmanischer Schrift überliefert ist. Das Dokument, das auf Seite 205 der diplomatischen Archivsammlung erscheint, ist Teil des Werkes:

📘 A magyar–török politikai kapcsolatok alakulása a diplomáciai levéltári források alapján (1922–1933)
📍 Herausgegeben vom Außenministerium der Republik Türkei, Diplomatisches Archiv, Ankara, 2024
📄 Seite: 205
In dieser Rede betont Hüsrev Bey die historische Brüderlichkeit zwischen Türken und Ungarn und beginnt mit den Worten:
„Kardeşlerim – Meine Brüder,
Während ich heute vor den heiligen Gräbern unserer heldenhaften Vorfahren spreche, beginne ich nicht mit diplomatischen Floskeln, sondern mit dem Ruf unserer gemeinsamen Herkunft: Brüder.“
Er hebt hervor, dass die Osmanen bei ihren militärischen Unternehmungen in Europa nie aus religiösem Fanatismus handelten, sondern stets politische Ziele verfolgten. Die Konfrontationen mit Ungarn seien nicht ideologisch motiviert gewesen, sondern Teil der strategischen Umfassung von Byzanz. Werke wie Takáts’ „Budiner Paschas auf Ungarisch“ belegen die Toleranz der Osmanen gegenüber lokalen Kulturen.
Zum Abschluss seiner Rede ehrt Hüsrev Bey die gefallenen Helden und gedenkt des ungarischen Freiheitskämpfers Ferenc Rákóczi mit tiefem Respekt. Die Teilnahme der Türkei an dieser Gedenkfeier wurde von der ungarischen Seite als ein Akt der Versöhnung und Brüderlichkeit gewürdigt.
Aus dem ungarischen Quellen
Szenzációt keltett Horthy Miklós mohácson elmondott beszéde a csata négyszázadik évfordulóján
Veröffentlicht auf Bama.hu – Baranya Megyei Hírportál
Horthy Miklós’ Rede in Mohács sorgte für Aufsehen – Gedenkfeier zum 400. Jahrestag der Schlacht von Mohács
Laut einem Artikel der ungarischen Regionalzeitung Bama.hu vom August 2022 sorgte die Rede von Reichsverweser Miklós Horthy bei der Gedenkfeier zum 400. Jahrestag der Schlacht von Mohács im Jahr 1926 für diplomatisches und öffentliches Aufsehen. Die Veranstaltung fand am 29. August 1926 in Mohács statt und wurde als nationaler Trauertag begangen.
Horthy reiste mit dem Dampfer „Zsófia“ der MFTR-Flussschifffahrtsgesellschaft an und wurde am Hafen von einer großen Menschenmenge empfangen. Die Delegation wurde von Levente-Jugendlichen und Pfadfindern zum Szent-György-Platz begleitet, wo ein Feldaltar errichtet und das Gelände der geplanten Gedächtniskirche mit Fahnen geschmückt war.
Erzbischof Gyula Zichy zelebrierte die Messe und segnete den Grundstein der Kirche, in dessen Fundament Erde aus 3600 Siedlungen der historischen 64 Komitate Ungarns eingebracht wurde – ein symbolischer Akt nationaler Einheit.
Nach der Messe fuhr die Delegation zur Mündung des Csele-Bachs, wo ein Denkmal zu Ehren von König Ludwig II. errichtet worden war. Horthy legte dort den ersten Kranz nieder und hielt eine Rede, in der er betonte, dass mit dem Tod des Königs auch das „Herz Ungarns“ verloren gegangen sei – in einer Zeit, in der die Verteidigung der westlichen Kultur oberste Priorität hatte.
Besonders bemerkenswert war Horthys Aussage, dass aus dem einstigen Feind, den Türken, inzwischen ein verständnisvoller Freund geworden sei, während sich Ungarn von seinem damaligen Verbündeten Serbien entfremdet habe – selbst wenn dieser heute unter dem Namen Jugoslawien auftrete. Diese Worte galten als diplomatisch heikel, insbesondere im Kontext der Nachwirkungen des Vertrags von Trianon.
Ein Missverständnis entstand, als einige Medien berichteten, Jugoslawien sei durch seine Botschaft vertreten gewesen. Dies wurde später offiziell dementiert. Auch Sportler des Ruderverbands, die aus Budapest, Győr und der Tschechoslowakei angereist waren, durften nicht an der offiziellen Zeremonie teilnehmen, da die Grenzpolizei ihre Ankunft nicht registriert hatte.
Die Veranstaltung wurde filmisch dokumentiert und bleibt ein bedeutendes Kapitel der ungarischen Erinnerungskultur.
Quellen:
• Kerepeszki Róbert: Horthy Miklós mohácsi beszéde, 1926. Emlékezethely a politikai gondolkodásban és a nemzetközi kapcsolatok történetében. PDF auf Academia.edu A
• Huszadik Század Archiv: Horthy Miklós beszéde a mohácsi síkon a magyar-szerb orientáció mellett (1926). Zeitungsartikel B
• T.C. Außenministerium, Diplomatisches Archiv: Türkiye-Macaristan Siyasi İlişkileri, 1922–1933. Herausgegeben von Mehmet Erdoğan, Emre Saral, Kövecsi-Oláh Péter. Ankara, 2024.
• Takáts Sándor: Budin Paşalarının Macarca Muhâberâtı – Historische Quelle zur osmanischen Verwaltung und Toleranzpolitik in Ungarn.





